Menschenrecht versus Männer-Landsgemeinde

Am 30. April 1989 fiel in Appenzell Ausserrhoden ein Entscheid von historischer Bedeutung: Die Landsgemeinde stimmte der Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts zu. Damit endete ein jahrzehntelanger politischer Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen im Kanton.

Die Auseinandersetzung zeigt eindrücklich, wie eng politische Tradition, gesellschaftliche Rollenbilder und die besondere Kultur der Appenzeller Landsgemeinde miteinander verbunden waren. Selbst der Begriff «Vatertag» spielte dabei eine bemerkenswerte Rolle.

Frauen waren auf Bundesebene längst stimmberechtigt

Auf eidgenössischer Ebene waren die Ausserrhoderinnen bereits seit 1971 stimmberechtigt. Auch auf lokaler Ebene hatte sich einiges verändert: In den Gemeinden konnten Frauen seit 1972 politisch mitentscheiden, in den evangelischen Kirchgemeinden sogar bereits seit 1954.

Auf kantonaler Ebene bestand jedoch weiterhin eine auffällige Lücke.

Obwohl die Gemeinden gleichzeitig Wahlkreise für den Kantonsrat bildeten, durften Frauen weder an den kantonalen Wahlen teilnehmen noch selbst in das Parlament gewählt werden.

Mehrere Anläufe scheiterten an der Männerlandsgemeinde

Die Einführung des Frauenstimmrechts wurde mehrfach zur Abstimmung gebracht. Doch die ausschliesslich aus stimmberechtigten Männern bestehende Landsgemeinde lehnte entsprechende Vorlagen wiederholt ab.

  • 1972 scheiterte eine Vorlage für das kantonale Frauenstimmrecht.
  • 1976 wurde eine weitere Vorlage abgelehnt.
  • 1979 fand auch eine teilweise Einführung des Wahlrechts bei Stände- und Kantonsratswahlen keine Mehrheit.
  • 1984 verweigerte die Landsgemeinde ihre Zustimmung zu einer Urnenabstimmung mit Beteiligung der Frauen.

Erst 1989 kam es zum entscheidenden politischen Umschwung.

Die Landsgemeinde als Symbol männlicher Tradition

Die Landsgemeinde gehörte zu den ältesten und sichtbarsten Formen der direkten Demokratie in der Schweiz. Die Stimmberechtigten versammelten sich unter freiem Himmel und entschieden mit offenem Handmehr über politische Geschäfte und Wahlen.

Gerade diese jahrhundertealte Tradition wurde jedoch zu einem zentralen Argument der Gegner des Frauenstimmrechts.

Es wurde etwa behauptet, durch die Teilnahme von Frauen werde die Würde der Landsgemeinde beeinträchtigt. Auch sei der Landsgemeindeplatz für die zusätzliche Zahl an Stimmberechtigten zu klein.

Diese Argumentation erwies sich später als unbegründet.

Frauenstimmrecht als Angriff auf eine patriarchalische Ordnung

Hinter vielen vermeintlich praktischen Argumenten stand ein grundlegender gesellschaftlicher Konflikt.

Die politische Ordnung war während Jahrhunderten stark männlich geprägt. Politische Bürgerrechte wurden unter anderem mit Militärdienst, Waffenfähigkeit und traditionellen Vorstellungen über die Rolle des Mannes verbunden.

Besonders drastisch war die Argumentation eines Kantonsrates, wonach Frauen aus anatomischen Gründen keine Gewehre tragen könnten und deshalb auch nicht in der Lage seien, politische Entscheide zu treffen.

Solche Aussagen verdeutlichen, wie stark die Debatte um das Frauenstimmrecht mit traditionellen Vorstellungen über Männer- und Frauenrollen verbunden war.

Blumen für die Landsgemeindemänner

Die Befürworterinnen des Frauenstimmrechts versuchten dennoch, die politische Auseinandersetzung möglichst friedlich zu führen.

1981 verteilten Frauen den Landsgemeindemännern kleine Blumensträusschen mit Wiesenschaumkraut.

Die symbolische Geste stiess allerdings nicht überall auf Wohlwollen. Frauen wurden verspottet, die Blumen teilweise zertreten.

Die Ereignisse zeigen, wie emotional und teilweise aggressiv die Diskussion damals geführt wurde.

Der «Vatertag» mit Beizentour

Ein besonders interessantes Detail des damaligen gesellschaftlichen Lebens war die Bezeichnung der Landsgemeinde als «Vatertag».

Der Ausdruck bezeichnete nicht einfach einen allgemeinen Ehrentag für Väter, wie man ihn heute aus anderen Ländern kennt. In diesem Zusammenhang stand der Begriff vielmehr für den traditionellen Männertag rund um die Landsgemeinde.

Für zahlreiche Teilnehmer gehörte zum politischen Anlass auch der anschliessende Besuch von Gaststätten.

Die sogenannte Beizentour war damit Teil eines gesellschaftlichen Rituals, das eng mit der Männerlandsgemeinde verbunden war.

Bemerkenswert ist, dass die Frauen in der damaligen Debatte sogar Verständnis für diesen traditionellen «Vatertag» mit Beizentour zeigten.

Mehr als nur Politik

Gerade dieser Begriff zeigt, dass es beim Streit um das Frauenstimmrecht nicht ausschliesslich um formale politische Rechte ging.

Die Landsgemeinde war zugleich gesellschaftliches Ereignis, Tradition und Treffpunkt. Sie gehörte für viele Männer zum kulturellen Selbstverständnis des Kantons.

Mit der Forderung nach politischer Gleichberechtigung wurde deshalb auch eine jahrhundertealte Männertradition infrage gestellt.

Die Frauenlandsgemeinde von 1987

Die Auseinandersetzung wurde nicht nur politisch, sondern auch kulturell geführt.

Der Trogner Konzeptkünstler H. R. Fricker griff das Thema mit künstlerischen Mitteln auf. Er erfand die fiktive anarchistische Figur Ida Schläpfer, eine Bärin, die auf Plakaten und Briefmarken erschien.

1987 fand in Trogen eine Frauenlandsgemeinde statt. Sie verstand sich als Gegenveranstaltung zur damaligen Männerlandsgemeinde in Hundwil.

Ida Schläpfer und Frickers Küchenstuhl gehörten zu den auffälligen Symbolen dieser Veranstaltung.

1989 kam der politische Durchbruch

Am 30. April 1989 änderte sich die Situation grundlegend.

Landammann Hans Ulrich Hohl stellte nach der Abstimmung an der Ausserrhoder Landsgemeinde fest, dass die Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts angenommen worden war.

Damit erhielten Frauen endlich auch auf kantonaler Ebene dieselben politischen Rechte wie Männer.

Der Entscheid blieb allerdings nicht unumstritten.

Zerbrochene Degen und Morddrohungen

Einzelne Gegner akzeptierten das Abstimmungsergebnis nicht. Noch Jahre später wurde behauptet, die Vorlage sei eigentlich verworfen worden und die Regierung habe das Volk getäuscht.

Die Reaktionen nahmen teilweise extreme Formen an.

Landammann Hans Höhener erhielt zerbrochene Degen zugeschickt und wurde mit dem Tod bedroht.

Zeitweise musste er sogar unter Polizeischutz gestellt werden.

Die Ereignisse verdeutlichen, wie stark die politische Öffnung der Landsgemeinde einen Teil der Bevölkerung emotionalisierte.

1990 standen erstmals Frauen im Ring

Ein Jahr nach dem historischen Entscheid konnten Frauen erstmals regulär an der Landsgemeinde teilnehmen.

1990 standen die Ausserrhoderinnen in Trogen erstmals als vollwertige Stimmbürgerinnen im Landsgemeindering.

Damit wurde Realität, was nur wenige Jahre zuvor von zahlreichen Gegnern noch als unvereinbar mit Tradition und Brauchtum bezeichnet worden war.

Frauen übernahmen schnell politische Ämter

Nach der Einführung des Frauenstimmrechts entwickelte sich die politische Beteiligung der Frauen rasch weiter.

1994 wurden gleich zwei Frauen in die Ausserrhoder Regierung gewählt.

1997 folgte ein weiterer historischer Moment: Marianne Kleiner wurde an der letzten Landsgemeinde zur ersten Frau Landammann gewählt.

Damit stand erstmals eine Frau an der Spitze einer politischen Institution, deren Teilnahme Frauen noch wenige Jahre zuvor vollständig verwehrt gewesen war.

1997 wurde die Landsgemeinde abgeschafft

Im selben Jahr endete die Geschichte der Ausserrhoder Landsgemeinde.

Die Stimmberechtigten beschlossen 1997 in einer Urnenabstimmung ihre Abschaffung.

Damit verschwand eine jahrhundertealte politische Institution nur wenige Jahre nach ihrer vollständigen Öffnung für Frauen.

In der damaligen Berichterstattung wurden unter anderem politische Spannungen sowie die Folgen des Untergangs der Kantonalbank als Faktoren für den Entscheid genannt.

Appenzell Innerrhoden musste folgen

Im benachbarten Appenzell Innerrhoden dauerte es noch länger.

Dort wurde das kantonale Frauenstimmrecht nicht durch einen freiwilligen politischen Entscheid eingeführt.

1990 entschied das Bundesgericht, dass auch die Innerrhoder Frauen das kantonale Stimm- und Wahlrecht erhalten müssen.

Damit verschwanden die letzten kantonalen Einschränkungen des Frauenstimmrechts in der Schweiz.

Die beiden Appenzell als Schweizer Schlusslichter

Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden gehörten damit zu den letzten Kantonen der Schweiz, welche Frauen die vollständigen politischen Rechte gewährten.

Allerdings war auch die Schweiz selbst im europäischen Vergleich eine späte Nachzüglerin.

Das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene wurde erst 1971 eingeführt.

Die Innerrhoder Frauenstimmrechtsaktivistin Vreni Mock erinnerte deshalb daran, dass sich die übrige Schweiz auf ihrem Vorsprung gegenüber den beiden Appenzell nicht allzu viel einbilden sollte.

Vom «Vatertag» zur gemeinsamen Landsgemeinde

Die Geschichte des Frauenstimmrechts in Appenzell Ausserrhoden ist mehr als die Geschichte einer einzelnen Abstimmung.

Sie erzählt vom Wandel einer Gesellschaft.

Eine politische Institution, die über Jahrhunderte eng mit männlicher Identität, Militärtradition und gesellschaftlicher Geselligkeit verbunden war, öffnete sich innerhalb weniger Jahre vollständig für Frauen.

Der ehemalige «Vatertag» mit Landsgemeinde und Beizentour wurde damit zu einer gemeinsamen politischen Veranstaltung.

Die Geschichte zeigt zugleich, dass demokratische Traditionen nicht unveränderlich sind. Sie entwickeln sich weiter – und können gerade dadurch erhalten und erneuert werden.

 

Quelle: Polizeinews.ch, 29. April 2009 / Wikipedia
Titelbild: Symbolbild © Aleks Taurus – stock.adobe.com

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