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Sucharbeit war «Knochenjob»

AI/SG. Ein Angehöriger der St.Galler Polizeidienstkompanie des Zivilschutzes schildert seine Eindrücke während der Suche nach Ylenia.

Jene, die dabei waren, werden den Einsatz wohl kaum mehr vergessen. Zwischen dem 6. und 10. August half täglich ein Detachement der St.Galler Polizeidienstkompanie bei der Suche nach dem vermissten Mädchen Ylenia mit.

Maurus Oehler, einer der aufgebotenen Zivilschützer, schildert im nachfolgenden Bericht seine Eindrücke:

«Am Montag und Dienstag, 6. und 7. August waren jeweils 22 Ad Pol D Kp im Einsatz. Von Mittwoch bis Freitag, 8. bis 10. August waren es jeweils vier bis fünf Mann. Auf das Wochenende vom 11. und 12. August wurden wiederum 20 Angehörige der Polizeidienstkompanie aufgeboten – da aber nicht mehr flächendeckend gesucht werden musste, wurde dieses Aufgebot per Pager wieder storniert.

Überraschendes Aufgebot
Der Einsatzbefehl kam überraschend. Oder war es doch eher der Zeitpunkt – früher Sonntagvormittag, Tag sechs nach dem Verschwinden von Ylenia – der überraschte? Hellwach waren die Erinnerungen an die Suchübungen in der Ausbildungswoche der Polizeidienstkompanie der RZSO St.Gallen. In einfachem Gelände bei mässigem Herbstwetter hatten uns die Instruktoren der Stadtpolizei St.Gallen erklärt, dass wir nun für eine Grosssuche nach vermissten Gegenständen oder Personen bereit sein würden.

Am Einrückungstag erwartete uns strahlender Sonnenschein. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Suche schienen gegeben, der neue Regenschutz in der Materialtasche am besten aufgehoben. Beim Stützpunkt Oberbüren wurde das Ausmass der Aktion bekannt: Eine gute Hundertschaft Suchende, ein Hubschrauber im Dauereinsatz und Hundeführer «en masse» machten den Ernst der Lage deutlich.

Beim Briefing wurden Informationen zur Tat abgegeben, die in der Presse bis anhin nicht erwähnt worden waren oder sonderbarer Weise anders dargestellt wurden.

So gründlich wie möglich
Eindrücklich ermahnte uns die Einsatzleitung, die Sektoren nicht so schnell wie möglich, sondern so gründlich wie möglich zu durchsuchen. Die Medienvertreter an den Suchorten sollten an die entsprechenden Stellen verwiesen werden. Nach dem Briefing wurde der zugewiesene Suchsektor von der Gruppe der Stadtpolizei (Stapo) und dem Detachement der Polizeidienstkompanie aufgesucht. Die Zivilschützer, die im Berufsleben teilweise grösserem Zeitdruck ausgesetzt sind, ereiferten sich über die langen Wartezeiten und die aus ihrer Sicht ineffiziente Vorbereitung.

Als «Langzeitsuchender» habe ich diese Zeiten jedoch mit jedem Tag mehr schätzen gelernt: Sie boten Raum, sich mit den Ereignissen auseinander setzen zu können. Gerade für uns Zivilschützer, die wir nicht mit jedermann über den Fall sprechen durften, waren hier Personen da, mit denen Zweifel, Frust, Leid und Leiden geteilt werden konnten.

Das Niveau der Organisation und die Disziplin im Detachement der Stadtpolizei waren von Anfang an hoch. Das schöne Wetter erwies sich als Trojanisches Pferd, der Suchkreis als steile Herausforderung, gespickt mit Wespennestern, Dickicht und Dornen.

Ein Knochenjob
Entgegen den Erinnerungen aus der Ausbildung bestätigte sich die Suchearbeit als der von der Einsatzleitung so bezeichnete «Knochenjob». Der erste Tag war gezeichnet von körperlicher Anstrengung, Wut gegen den mutmasslichen Täter und Hoffnung für Ylenia und ihre Angehörigen.

Am zweiten Suchtag trafen wieder gut 20 Angehörige der Polizeidienstkompanie zur gleich frühen Zeit bei der Stapo ein. Dabei trafen sich die erwartungsvolle Spannung der Kollegen, die zum ersten Suchtag antraten und das Wissen der weniger optimistischen Suchenden des Vortags.

Letztere im Wissen um den bevorstehenden Rest des Suchkreises vom letzen Tag.

Bestens aufgehoben bei der Polizei
Weit weniger zaghaft als am ersten Tag bedienten sich die Stadtpolizisten und das Detachement der Schutzdienstpflichtigen mit bereitstehendem Kaffee und Gipfeli. Es waren keine Beschwerden über lange Wartezeiten mehr zu hören! Als sich selbst der Pressesprecher der Kantonspolizei St.Gallen etwas genauer über die Polizeidienstkompanie des Zivilschutzes erkundigte, um bei Auskünften gewappnet zu sein, fühlte man sich in der Masse der Polizisten bestens aufgehoben.

Wie zu erwarten war, wurde der Suchkreis vom Vortag als Auftrag bis zum Mittag ausgegeben. Beherzt und mit grosser Sorgfalt bahnte sich die Polizeikette der Stapo ihren Weg durch das steile, von Dickicht und Dornen durchzogene Gelände. Mehr als einmal hörte man zwischen Fluchen die Vermutung, dass kein Kranker dieser Welt in so unwegsamem Gelände etwas verstecken oder gar vergraben würde.

Die Hoffnung, etwas zu finden, wich mehr und mehr der Gewissheit, das Gebiet zu durchsuchen um mit hundertprozentiger Sicherheit sagen zu können, dass in diesem Stück Wildnis nichts ist.

Suche vor der Kamera
Abwechslung und gute Laune brachte eine kurze Verschnaufpause auf dem Golfplatz, der mit seinem gepflegten Grün ironischerweise an das wilde, strenge Suchgebiet angrenzt. Wie von Geisterhand geführt erschien just zu diesem Zeitpunkt ein Kamerateam, welches, geführt vom Medienverantwortlichen der Kantonspolizei, die Arbeit unserer Gruppe dokumentieren wollte. Ähnlich zufällig liess uns der Detachementchef aufstellen, und bestimmt nicht zur Freude des Kamerateams unter Megaphonanweisungen die Suche im Dickicht und Steilhang wieder aufnehmen.

Das sich verschlechternde Wetter hatte neben dem warmen Regenschutz als Nachteil den Vorteil, dass das Mittagessen ab sofort im Werkhof Oberbüren unter Dach eingenommen werden konnte. Generell gilt zum Thema Essen zu sagen, dass sowohl die Qualität wie auch das Catering vom Besten waren den Grundstein zur motivierten und andauernden Suche legten.

Ein Hoffnungsschimmer
Der Nachmittag des zweiten Tages versprach Hoffnung und Spannung: Auf Grund eines eingegangenen hoffnungsvollen Hinweises wurde uns ein neuer Sektor zugeteilt. Nahezu flaches Gebiet, wenig Dickicht und schön übersichtlich. Dies schien des Guten zuviel, so dass der einsetzende Regen die Suchbedingungen wieder ins bekannte, schwierige Bild rückte. Mag sein, dass der Hinweis aus der Bevölkerung im Hinblick auf das Fahrzeug des Täters richtig war, eine Spur zu Ylenia brachten aber auch er und die folgende Suche nicht.

Nach diesem weiteren Tiefschlag brachte der Rest der Woche einige Wiederholungen: Die Suchmannschaften wurden kleiner, auch die Gruppen der Stadtpolizei und des St.Galler Zivilschutzes. Das Wetter und die Beschaffenheit der Suchkreise verhielten sich so, dass wenn uns das eine gut gesinnt war, das andere umso schlechter wurde.

Die Hoffnung auf das Auffinden von Ylenia orientierte sich an der Realität, als überschwänglich konnte sie keinesfalls mehr bezeichnet werden. Die Moral und die Sorgfalt bei der Arbeit aber waren nach wie vor intakt, zuviel stand noch immer auf dem Spiel.

Jeden Tag mit neuem Elan
Persönlich nahm ich die körperlichen Strapazen ab dem zweiten Tag kaum mehr war. Der Körper war eingelaufen, auf Betriebstemperatur. Die Enttäuschungen nach beendetem Suchkreis oder Tag wurden routinemässig weggesteckt. Erstaunlich war jedoch der Elan, mit welchem ich jeden Tag einrückte: Vom Ziel nach einer positiven Suche getrieben, von der kameradschaftlichen Begrüssung bei der Stapo belohnt.

Am letzten Suchtag nach dem Mittagessen wurde die Mannschaft der Stadtpolizei mit nunmehr nur noch zwei Schutzdienstpflichtigen, auf Grund neuester Erkenntnisse zu einer Zweitsuche in das Gebiet beordert, in dem die Leiche des Täters gefunden worden war.

Starke Gefühle
Die Neugierde wich der Hoffnung und diese dem Hass. Vermehrt wurden Kommentare zum Täter laut, die an Abscheu kaum zu überbieten waren, beim Suchteam aber als Ventil dienten. Die Aufgabe war anspruchsvoll; wegen dem Gelände, vor allem aber wegen dem Druck etwas finden zu können oder fast müssen. In der Tat gelang einem der Polizisten der Fund von einem Kleinstteil, das zumindest zu diesem Zeitpunkt als tatrelevant wenn nicht sogar als richtungweisend für die weitere Suche gelten sollte.

Weil das Gebiet anspruchsvoll bis schwierig war, hatten wir der Logik nach gutes Wetter. Alles in allem Faktoren, welche die körperliche Anstrengung auf einen Wochenhochstand trieben. So war ad hoc keiner von uns traurig, dass die Suchaktion nach diesem teilweise erfolglosen Nachmittag abgebrochen wurde.

Die Informationen die uns der Einsatzleiter beim Debriefing zur Fundsache, aber auch zum Stand der Ermittlungen weitergab, waren für mich erschütternd. Ich wollte mit meinem Engagement bei der Suche den Spekulationen – auch den eigenen – um den Fall Ylenia ein Ende setzen. Ohne Erfolg. Obwohl wir alles gegeben haben»


Alle Artikel zum Fall «Ylenia»

Appenzell InnerrhodenAppenzell Innerrhoden / 30.09.2007 - 09:44:00