Zuckerbrot und Peitsche
Herisau. Von Landungen und Bruchlandungen, von den Grautönen zwischen Schwarz und Weiss, vom Leben, den Leiden, von Freude und Trauer: Die Première von Steff Signers Stück «Highmatt».
«Hi(gh), aber nöd hoi», stellt Steff Signer gleich zu Beginn seiner Première im St.Galler Palace fest. «Hi(gh)», mit rauer Stimme. «Hi(gh)», aber nicht Fisch – und nicht wie «stoned». Einfach nur «Hi(gh)». Eher «Hi(gh)» wie Heimat – «Highmatt». Das Palace ist an diesem Samstagabend gut besucht. Vor allem von der älteren Generation, der Generation, die Steff Signer wohl noch als «Infrasteff» in Erinnerung hat. Lange war es still um den Herisauer. Jetzt wird es wieder laut. Manchmal sogar ziemlich laut. Mit Hinterländler Dialekt erzählt Steff Signer vom Charme des Alltags, von den Abgründen – vor allem aber von dem, was dazwischen ist. Von schrägen Gestalten, starken Gefühlen und Lebensentwürfen. Untermalt werden die Geschichten und Theaterstückchen von Liedern der «Sägerei-Buebe». Die «Sägerei-Buebe» sind «meischtens, aber nicht allewiil»-Steff Signer und Thomas «Sändeler» Züllig. Mit Saz, Kontrabass und Stimmgewalt besingen sie zwischen den Geschichten das Open Air St.Gallen, einen Chicken King und die «Bluètwurscht».
Was Signer wirklich tut, ist schwierig zu beschreiben. Er eröffnet neue Perspektiven, macht aus alt neu und gräbt in einer scheinbar unergründlichen Kiste voller Erinnerungen. Erinnerungen, an «19-hippie-60», Schicksalsschläge im Hinterland, an «Hanfgräsdealer», Gina, an die Rettung der Phantasie. Es beginnt harmlos, banal, mit «Blässen», Bauern, Serviertöchtern… Signer will aber mehr damit sagen. Viel mehr. So viele Blumen, wie Dinge, die er durch sie sagen möchte, gibt es in seinem Herisauer Garten gar nicht. Aber er spricht auch Klartext. Unmissverständlich.
Im Interview erzählt Signer mit rauer Stimme, Hinterländler Dialekt und stets einem leichten Lächeln auf den Lippen von seiner «Highmatt» – der «Hemet» – vom giftigen 21. Jahrhundert und vom Fliegen und Landen.
Herr Signer, Sie feierten mit Ihrem Stück am vergangenen Samstag Première. Wie war der Auftritt im Palace? Was für Reaktionen haben Sie aus dem Publikum erhalten?
Für mich war der Auftritt sehr befruchtend: guter Ort, schöne Bühne, ein offenes und lebendiges Publikum und eine heitere und inspirierende Stimmung. Die Reaktionen auf meinen Aufritt habe ich als positiv bis schwärmerisch empfunden.
Ihr Stück heisst «Highmatt». Was bedeutet «Highmatt» und weshalb haben Sie dem Stück diesen Namen gegeben?
Das bezeichnet den Ort, wo ich mich mal high (hoch, aufgestellt) und mal matt fühle. Es ist eine Umschreibung von Heimat, «Hemet». Und aus diesem Spannungsfeld stammen meine Lieder, meine Musik und meine Geschichten und «Theäterli».
Was bedeutet Ihnen Heimat? Wo sind Sie zu Hause?
Die Heimat ist so etwas wie mein Landeplatz. Ich fliege oft mit Gefühl, Idee, Inspiration durch die Weiten meines Seins, durchwandere Wiesen, Hügel, Wälder, Täler, sammle Kräuter und Beeren, poste bei Bauern «all der Zeugs» und lande dann immer wieder in der «Highmatt». Zu Hause bin ich also im «tüüfschte Henderland, i de Highmatt-obe-nabe-hönne-lengs» und das ist irgendwo in dieser grossen, verwunschenen Luftsäule zwischen Bodensee und Säntis, wo die Schwermut und Melancholie, der Griff zum Chälblistrick um den Hals mit Singen (Zäuerlen) verhindert und verbannt werden kann, meistens jedenfalls.
Sie verwirren mit Ihren Aussagen, ecken manchmal an und ab und zu sieht manch Zuhörer vor lauten Bäumen den Wald nicht. Was sind die Kernaussagen Ihres Stücks?
«So isch s’Lebe allewill, bisch ganz froh, ischts è Spiel» oder «giftig ist nicht der wilder Holder, giftig ist das 21. Jahrhundert» und «alles goht, wenn s’Herz däför schloht».
Aussagen in Dialekt: Geht das gut?
Ich liebe es, mich in Dialekt, auch schriftlich auszudrücken. Die damit verbundene Melodie in der Sprache bringt erst richtig Magie in die «trömmligen Schpröchli». Dazu ergänze ich den Dialekt laufend mit neuen Wörtern und Ausdrücken: «Tschäderasse im Schtondeloh»: Das bedeutet Maulaffen feilhalten. Oder «Schleesghè ond horné», Loben und Preisen. «Seele schnääpfe» heisst, sich gefühlsvoll ausdrücken, «Breetschgé», brennen vor Freude.
Sind Sie mit Ihren Aussagen nicht schon öfters Leuten «über d’Schnorrä gfahrä»?
Nein. Ich formuliere meine Aussagen so, dass ich das aus meiner Sicht darstelle und das Ganze nicht in einem besserwisserischen Kontext, moralisch gefärbt und mit dem Zeigefinger in Drohgebärde, präsentieren. Ich bin ja der Steff Signer und nicht der Steff Sauer.
Zum Schluss: Was würden Sie sich für eine Frage stellen, wenn Sie sich selbst eine Frage stellen könnten?
Steff, wenn es die Füsse sind, dich wandern lassen, was ist es, was dich schreiben lässt?
Und die Antwort darauf?
«D’Hitz im Grend ond de Brand i de Seel, sibèrèmentig, sakrèmentig, vom Ziischtig bis ém Mentig.»
Im September erscheint im Limmat Verlag Steff Signers erstes Buch. Der Titel? «Highmatt». Die Heimat ist wichtig für Signer. Er pirscht sich ihr an, verinnerlicht sie, lebt in ihr, mit ihr, für sie – und distanziert sich wieder, driftet ab… Mal leise, mal laut. Zuckerbrot und Peitsche. In einer unvergleichbaren Art wandelt er auf den Spuren der Tradition, über Stock und Stein, stolpert vorüber an Kühen, Bauern und Holundersträuchern – aber er findet trotzdem immer wieder (s)einen Weg…
Die Heimat ist wichtig für Signer: «Die kann dir niemand nehmen». Auch nicht das giftige 21. Jahrhundert. Oder minus tausend Grad gesellschaftliche Kälte. Zum Glück.



























