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Ylenia bewegte die Schweiz

Appenzell. Die traurige Geschichte von Ylenia ist den Menschen in der Schweiz unter die Haut gegangen.

Ylenia war am Morgen des 31. Juli beim Hallenbad in Appenzell verschwunden. Trotz einer sofortigen Suchaktion fehlte jede Spur des fünfeinhalbjährigen Mädchens. Erst am folgenden Tag erkannte die Polizei einen Zusammenhang zwischen einem Verbrechen, bei dem ein 46-jähriger Mann in einem Wald bei Oberbüren SG angeschossen wurde, und dem Verschwinden des Kindes.

Im selben Wald fand die Polizei am 1. August die Leiche eines Mannes, der dort Suizid begangen hatte. Bald war klar, dass der 67-jährige Auslandschweizer das Mädchen entführt und versteckt haben musste. Die Polizei durchkämmte den Wald mit Suchtrupps und Hunden – tagelang. Doch das Mädchen blieb verschwunden.

Die Wochen, die folgten, waren schwierig. Trotz intensivster Suche in tiefen Wäldern und unwegsamen Tobeln der halben Ostschweiz und dem Einsatz von Hunden, Helikoptern und Tauchern, blieb Ylenia verschwunden. Insgesamt waren Polizei, Feuerwehr und Militär 1289 Manntage im Einsatz.

Die zahlreichen Aufrufe in der Bevölkerung und eine Fahndung durch die Sendung Aktenzeichen XY brachten nichts. Auch private Suchaktionen von betroffenen Menschen waren vorerst vergeblich. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr schwand die Hoffnung, das Kind lebend zu finden.

Kaltblütige Tat mit sexuellem Motiv
Am 15. September – 47 Tage nach dem Verschwinden des Mädchens – entdeckte ein Mann Ylenias Leiche in jenem Wald bei Oberbüren, wo die Polizei mehrmals vergeblich gesucht hatte. Wildtiere hatten den verwesenden Körper aus einem tiefen Loch im Waldboden gescharrt.

Zuerst war unklar, woran das kleine Mädchen gestorben war. Die Einwirkung von Gewalt schlossen die Ermittler aus. Mitte November gab die Polizei bekannt, dass Ylenia mit Nitroverdünner vergiftet wurde. Gemäss den Ermittlungen war der mutmassliche Täter wahrscheinlich pädophil und plante die Tat kaltblütig aus einem sexuellen Motiv.

Die Sonderkommission «Rebecca», die die Fälle von in den 1980er-Jahren verschwundenen Kindern untersucht, konnte keine Zusammenhänge mit dem mutmasslichen Entführer und Mörder Ylenias herstellen.

Auf Medien angewiesen
Bei der wochenlangen Suche nach dem Mädchen war die Polizei auf die Mithilfe der Medien angewiesen. Nur so habe man Hinweise aus der Bevölkerung erhalten, welche für die Klärung des Verbrechens benötigt wurden. Ein Beispiel: Erst nach einem Aufruf in den Medien gab eine Frau Ylenias Rucksäcklein, das sie an der Wegkreuzung gefunden hatte, bei der Polizei ab.

Die erfolglose Suche nach dem Kind löste Emotionen aus. Der «Blick» sparte nicht mit Kritik an der Polizei und ihrer Informationspolitik. Kein Tag verging, ohne dass Medien im In- und Ausland über den Fall Ylenia berichteten. «Es wurde viel spekuliert und zahlreiche Unwahrheiten wurden verbreitet», sagt Eggenberger.

Richtig heiss liefen die Telefondrähte bei der Medienstelle der St. Galler Kantonspolizei, nachdem eine englische Zeitung behauptet hatte, der mutmassliche Entführer Ylenias sei an jenem Ferienort in Portugal gesichtet worden, wo die kleine Maddy entführt wurde.

Die Polizei habe die Medien bewusst «nahe herangelassen», sagt Eggenberger. «Wir wollten den Journalistinnen und Journalisten zeigen, wie schwierig die Suche ist, und haben sie deshalb vor Ort informiert und betreut.» Vielleicht habe sich deshalb die Kritik in Grenzen gehalten, als nicht die Polizei, sondern ein Privater die Leiche fand, spekuliert der Medienchef.

«Trauriger Fall»
«Der Fall Ylenia ist uns allen sehr nah gegangen», sagt Eggenberger, «die emotionale Belastung war für alle Beteiligten extrem, egal ob jemand an der Suche in oft unwegsamem Gelände beteiligt war oder im Hintergrund arbeitete.» In den 17 Jahren, die Hans Eggenberger beim Polizei-Mediendienst arbeitet, hatte der ehemalige Kriminalpolizist mit 169 Tötungsdelikten zu tun. «Jeder Fall berührt einen, doch so traurig wie der von Ylenia war kaum einer», sagt Eggenberger.

«Ylenia»-Stiftung
Kurz nach der bewegenden öffentlichen Trauerfeier für ihre Tochter gründete die Mutter des Mädchens die Stiftung «Ylenia». Der Zweck der Stiftung: Der unbegreifliche Tod Ylenias soll für Kinder in Not etwas Positives bewirken.

Das Stiftungs-Kapital ist in wenigen Monaten auf rund 200 000 Franken angewachsen, wie Bruno Koster, Stiftungsratspräsident und Regierungspräsident von Appenzell Innerrhoden, auf Anfrage sagte.

Neues Alarmsystem
Die Geschichte von Ylenia hat die Schweiz auch politisch bewegt. Das eidgenössische Parlament hat Anfang Dezember zwei Vorstösse überwiesen und will ein neues MMS-Alarmsystem schaffen, mit dem entführte Kinder möglichst rasch gefunden werden sollen.

Appenzell InnerrhodenAppenzell Innerrhoden / 21.12.2007 - 12:10:00