Wenn das Filet zweimal gekaut wird…
Weihnachten ist dann, wenn die Eltern am hungrigsten und die Kinder auf Diät sind.
Meine Tante zerrte mich jeweils auf einen Holzschlitten und raste mit mir die Quartierstrasse hinunter. Das tat sie so lange, bis in unserem Haus ein bestimmtes Zimmer erleuchtet wurde. Das Zeichen, dass der Weihnachtsbaum fertig geschmückt war. Dieses Ritual zu Weihnachten wiederholte sich alljährlich, bis ich bemerkte, dass das Ganze ein abgekartetes Spiel war. Wahrscheinlich wird man sein ganzes Leben lang nie mehr auf eine schönere Weise belügt, wie zu seiner Kindheit.
Wer aber jeweils ganz gewaltig meine Geduld auf die Probe stellte, war mein Vater. Es war bei uns Tradition, dass das Essen vor der Weihnachtsfeier – und damit auch vor der Geschenkübergabe – eingenommen wurde.
Eigentlich war mein Vater unter dem Jahr ein «Schnellesser», nicht aber am 24. Dezember. Da wurde er jeweils zum Feinschmecker. Mir schien, als schnitt er das Filet jeweils in Stücke, die sich im Nano-Bereich bewegten. Und satt wurde er sowieso nicht. Während ich auf den Nachschlag verzichtete, griff mein Vater erfreut ein zweites und drittes Mal zu. Die Erlösung kam erst in Form meiner Mutter, wenn sie meinem Vater sagte – den Blick indes bemitleidend auf mich gerichtet – dass er nun wohl aber genug gegessen habe.
Dass die Eltern den «grossen Moment» der Türöffnung so lange herauszögern hat nichts mit Sadismus zu tun. Es ist purer Egoismus. Als Erwachsene finden wir uns selbst in den Kindern wieder. Wir wünschen uns, dass wir noch einmal an all die schönen Märchen glauben könnten.
Heute bin ich es, der die Kinder (anverwandte wohlgemerkt) am Tisch zur Verzweiflung treibt, wohlwissend, dass sie es mir in einigen Jahren erst verzeihen werden.



























