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Warum immer mehr Jugendliche sich ins Koma trinken

TG. Der Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen steigt stetig an. Was meinen Fachleute zu der Situation im Thurgau?

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), ist die Anzahl Jugendlicher mit Alkoholvergiftung im Vergleich zur ersten Untersuchung zwischen 2003 und 2005 um 40 Prozent gestiegen. Täglich werden in der Schweiz fünf Jugendliche im Alter zwischen zehn und 23 Jahren wegen Alkoholmissbrauch in Schweizer Notfallstationen eingeliefert. Jährlich sind das 1800 Jugendliche die in Schweizer Spitäler gebracht werden. 1300 von ihnen weisen eine Alkoholvergiftung auf und ganze 500 sind alkoholabhängig, darunter auch erst Vierzehnjährige.

Bei diesen Zahlen sind all jene Fälle nicht mitgerechnet, die in Hausarztpraxen oder bei ambulanten Notfallaufnahmen behandelt werden. Auch massiv betrunkene Jugendliche, die von der Polizei direkt den Eltern übergeben werden, sind hier ausgeklammert. Die Dunkelziffer dürfte also noch um einiges höher sein.

Tatsächlich mehr Alkohlvergiftungen?

Im Kantonsspital Frauenfeld hat sich dieser Trend bereits bemerkbar gemacht. Die Zahl der Alkoholvergiftungen hat zugenommen. Laut Dr. med. Beat Frauchiger, Chefarzt des Kantonsspitals Frauenfeld, nimmt das Spital ungefähr zwei bis dreimal pro Monat Jugendliche mit Alkoholvergiftungen auf. Dies vorwiegend am Wochenende. Frauchiger bestätigt die Zahlen der SFA: «Die Trinker sind jünger geworden und tendenziell sind auch mehr Frauen darunter.» Allerdings frage er sich auch, ob sich tatsächlich mehr Jugendliche eine Alkoholvergiftung zuzögen, oder ob die Jugendlichen einfach öfters in die Spitäler gebracht würden. Die Hemmschwelle, jemanden ins Spital zu bringen, sei nämlich im Vergleich zu früher, gesunken, meint Frauchiger.

Bei diesen Neuigkeiten ist es naheliegend, die Schlussfolgerung «Es wird zu wenig Prävention betrieben» zu ziehen.

Laut Doris Grauwiler, Mitarbeiterin der Präventionsfachstelle Perspektive, wird im Kanton Thurgau aktiv Gesundheitsförderung und Prävention betrieben. Allerdings mangle es an der Umsetzung. Zum einen gibt es laut Grauwiler im Kanton Thurgau die «Perspektive», welche Suchtprävention, Suchtberatung und Gesundheitsförderung durchführt. Dies auch speziell für Jugendliche, beispielsweise mit Referaten an Schulen. Zum anderen seien es öffentliche Kampagnen, wie zum Beispiel «Ein Glas zu viel», welche zu vernünftigem Umgang mit Alkohol aufrufen.

Jugendliche besser schützen

Gründe, warum Präventionsmassnahmen zu wenig greifen und solch alarmierende Zahlen der SFA publik werden, sieht Grauwiler vor allem hier: «Das Werbeverbot, das im Thurgau zwar existiert, aber Wein und Bier ausschliesst müsste verstärkt werden. Zudem müsste der Alkohol teurer werden, da man über die Finanzen Jugendliche sehr gut schützen und steuern kann.» Auch müsse das Verkaufsgesetz besser durchgesetzt und kontrolliert werden, meint Grauwiler weiter.

Bei all den Präventionsmassnahmen und Verboten: Müsste man nicht den wahren Problemen, die hinter Alkoholmissbrauch stehen auf die Spur kommen und die Prävention direkt dort ansetzen? Warum trinken Jugendliche überhaupt so viel?

Gründe für das Rauschtrinken sieht Grauwiler, vorwiegend in der Gruppendynamik und darin, dass Jugendliche sehr einfach an Alkohol kommen. «Hinzu kommt, dass Jugendliche mehr Geld haben als früher und sich solche Exzesse leisten können.», so Grauwiler.

Saufen als Selbstzweck

Beat Widmer, ebenfalls Mitarbeiter der «Perspektive», fügt hinzu, dass nicht hinter jedem «Saufen» tiefgründige Probleme stehen müssen. Der Jugend gehe es heute nicht schlechter als früher und es seien auch nicht alle depressiv. Natürlich gebe es auch solche, die ihren Kummer im Alkohol ertränken würden. Doch: «Alkohol ist in Mode und das Trinken wird bei vielen Jugendlichen als Selbstzweck verstanden», so Widmer.

Dr. med. Thomas Knecht, leitender Arzt in den Bereichen Sucht und Forensik bei den Psychiatrischen Diensten Thurgau, sieht allerdings weitere Gründe für das exzessive Trinkverhalten Jugendlicher: «In unseren Breiten herrscht eine allgemeine Konsumhaltung, die auch Jugendliche und deren Alkoholkonsum betrifft. Hinzu kommt, dass immer mehr Familien weniger Struktur haben und die vielbeschäftigten Eltern wie auch deren Kinder oft keine Hobbies mehr pflegen.» Beispielsweise haben laut Knecht Jugendliche, die ihre Freizeit alleine vor dem Computer verbringen keine Möglichkeit, dieses Hobby mit anderen zu teilen. Da sie nicht wie beispielsweise ein Fussballclub ein Turnier durchführen können, suchen sie daher sogenannte Ersatzhandlungen, wie zum Beispiel das Trinken von Alkoholika.

Jugendliche sind auf Reizsuche

Jugendliche seien besonders gefährdet, da diese eher auf Reizsuche und teilweise bedenkenloser seien als andere Altersgruppen, erklärt Knecht. In Gruppen komme es oft auch zu einer Art Wettbewerbssituation, in der Alkoholtrinken als erwachsen und stark gilt. «Allerdings sind längst nicht alle Jugendlichen gleichermassen gefährdet. Beispielsweise Kinder, deren Eltern schon Alkoholprobleme hatten, sind viel anfälliger für ein Suchtverhalten. Aber auch Junge Menschen mit einem Hyperaktivitätssyndrom, welche zu Grenzüberschreitungen neigen, sind eher gefährdet.» Daher müsse auch die Prävention bei sogenannten Risikopersönlichkeiten ansetzen, denn die anderen würden sich ohnehin selbst schützen. Konkret heisse dies, teurere Alkoholika und dass alkoholtrinkenden Helden aus der Werbung verschwinden müssten, schliesst Knecht.

ThurgauThurgau / 29.02.2008 - 16:56:00