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Vom Versuch, eine Grauzone auszufüllen

Herisau. Trachten, High Heels, Kühe, Mannequins: Eine Maturaarbeit der Gegensätze - und der Gemeinsamkeiten.

Ein Alpaufzug im Miniformat: Der Bauer, ein Bläss und Kühe. Alle in Reih und Glied, alle in dieselbe Richtung, alle mit starrem Blick nach vorne. Alle? Nicht ganz. Eine Kuh denkt quer. Eine Kuh tanzt aus der Reihe, schwimmt gegen den Strom. Eine Kuh schert aus.

Das Unantastbare antasten
Laura Signer ist ein bisschen wie diese Kuh auf einem T-Shirt, das sie selbst für ihre Maturaarbeit entworfen hat. Die 19-jährige Kantontonsschülerin hat ein ungewöhnliches Thema gewählt, ein Thema zwischen Tradition und Innovation, zwischen Stadt und Land: «Tracht und Mode». Trachten haben die Herisauerin schon seit jeher fasziniert und auch mit Mode und Modezeichnen setzt sie sich seit einigen Jahren auseinander.

«Mode und Trachten scheinen auf den ersten Blick völlig verschieden zu sein», so Signer. «Die Tracht ist zeitlos, beständig.» Mode hingegen sei schnelllebig und ständig im Wandel. «Früher waren Tracht und Mode gar nicht so unterschiedlich wie heute – die Trachten waren von der Mode beeinflusst, hinkten dieser einfach immer etwa zehn Jahre hinterher», erklärt Signer weiter. «Nach der französischen Revolution und der Aufhebung der Stände ging das Trachtentum allerdings verloren und die Zeit ist für die Trachten stehen geblieben.» Trachten wurden zu etwas unantastbarem, ja fast heiligem, immer eng verbunden mit Heimat.

Mit ihrer Maturaarbeit hat Signer das Unantastbare angetastet. Nicht so fest, wie sie anfangs wollte – ursprünglich wollte sie eine ganz neue Appenzeller Tracht entwerfen. Nun hat Signer versucht zu Verbinden, zusammenzubringen. Altes mit neuem, traditionelles mit innovativem.

Querdenkerin
Am Anfang stand die Recherche. Signer las Theorie zum Wandel der Schweizer Trachten und zur Modegeschichte. Aber die Herisauerin war auch vor Ort: an Stobeten, an einer Viehschau und an Fronleichnahm war sie im Kanton Innerrhoden unterwegs. Für den praktischen Teil hat sie fotografiert, gezeichnet, entworfen, genäht und gedruckt. Insgesamt sind drei Kleidungsstücke entstanden, zudem hat die 19-Jährige eine Puppe bekleidet. Die Innerrhoder Tracht wurde verfremdet, ebenso die Mode, Grenzen wurden verwischt. Ein moderner Gürtel aus Amsterdam mit einem Teil des Mieders der Innerrhoder Tracht. Ein Halstuch, bedruckt mit einer traditionellen Kette, die zur Tracht dazugehört. Ein legères T-Shirt, bedruckt mit Kühen. Mit einem Alpaufzug. Mit einem Bauern und einem Bläss. Und dieser einen Kuh, derjenigen, die in die falsche Richtung läuft. In eine andere Richtung. «Die Kuh, die in die andere Richtung läuft, hat sehr viel mit meiner Arbeit zu tun», erklärt Signer. «Die Kuh ist ein Querdenker, sie trottet nicht einfach den andern Kühen hinterher. Das tue ich auch nicht. Ich empfinde die Appenzeller Traditionen häufig als eingefahren, als sehr streng. Nun habe ich mir die Freiheit genommen, etwas an der traditionellen Tracht zu Verändern. Meine Arbeit ist ein Versuch, die Grauzone zwischen Mode und Trachten auszufüllen.» Signer möchte mit ihren Kleidungsstücken nicht nur schön anziehen. Sie möchte auch, dass ein Sinn hinter dem Stoff ist.

Oscar-Verleihung und Vieschau
Das Mannequin, das die Kantonsschülerin angezogen hat um es an der Präsentation ihrer Maturaarbeit zu zeigen, hat sie am meisten verfremdet. Fast nichts ist mehr so, wie an einer Tracht, fast nichts mehr erinnert an das traditionelle Kleidungsstück, mit dem man sich zu einer Gruppe bekannte. Lediglich die kleinen Kühe an der Rückseite des Kleides sind appenzellische Elemente. Betrachtet man das Kleid von der Vorderseite, könnte es an einer Oscar-Verleihung oder an einem Ball getragen werden – aber ganz bestimmt nicht bei einer Viehschau.

Für ihre gesamte Arbeit erhielt Signer die Note 5.5. Sie ist zufrieden. Ideen hätte sie allerdings noch viel mehr gehabt. «Am Anfang sitzt man vor so einer Arbeit und denkt, sie ist riesig… Aber rückblickend konnte ich nur einen Bruchteil meiner Ideen verwirklichen, auch vier oder fünf Maturaarbeiten wären zu wenig gewesen, um den Ideenreichtum auszuschöpfen.» Die Arbeit spiegelt viel von Signer wider. «In einer Stadt bin ich das Mädchen vom Lande», so Signer. «Aber auf dem Land bin ich das Mädchen von der Stadt. Ich bin genau in dieser Grauzone zwischen modernem und traditionellem.»

Der Traum vom Sennenhemden-Stoff
Die Reaktionen auf ihre Arbeit fielen durchwegs positiv aus. Nur einmal, bei einem richtig urchigen Bauern, bei einem, der noch Sennenhemd trug, biss sie auf Granit. Signer wollte wissen, wo es den Stoff, aus dem die Sennenhemden sind, zu kaufen gäbe. Und sie erklärte ihm, dass sie gerne eine Abendrobe daraus nähen würde. Er wusste es nicht. Und gut fand er die Idee sowieso nicht. Eine Frechheit fand er das sogar. Unmöglich.

Trachten sind eben etwas Unantastbares, etwas heiliges, für die einen. Signer möchte den Trachten nichts von ihrer Heiligkeit nehmen, nichts von ihrer Unschuld. Sie möchte nur verbinden. Verschiedene Nuancen von Grautönen finden. Und irgendwann – irgendwann, wenn sie dann den Sennenhemden-Stoff gefunden hat – dann wird sie trotz allem und erst recht daraus eine Abendrobe nähen.

Appenzell AusserrhodenAppenzell Ausserrhoden / 27.03.2008 - 08:02:00