«Vechschau» in Appenzell
Appenzell. Der «heilige Tag» der Bauern Kühe, Sennen und paffende Mädchen
«Viehtrieb» warnen Tafeln entlang der Strassen nach Appenzell. Die Kühe auf den Weiden gucken erstaunt, weniger gelassen als sonst. Die schönsten Kühe sind heute nicht auf der Weide, sie stehen im Zentrum des Interesses in Appenzell.
Die Strasse zur Grossviehschau in Appenzell, «Vechschau» im Dialekt, ist mit Kuhfladen gepflastert. Autofahrer müssen sich in Geduld üben. Der schöne Föhntag am Dienstag war der «Puure heilig Tag», der heilige Tag der Bauern, ein Grossereignis – nicht nur für die Bauern des Inneren Landes, die ihre Kühe und Stiere zur Beurteilung auf den Brauereiplatz am Ufer der Sitter brachten.
600 mal Muh
Im Kreisel am Dorfeingang sprinkelt die Strassen-Putzmaschine Exkremente weg. Das ist nicht Ausdruck sprichwörtlicher Putzsucht, sondern eine reine Vorsichtsmassnahme: Gerät ein Fahrzeug auf der braunen Schmiere ins Rutschen, könnten die Bauern für die Schäden haftbar gemacht werden.
Das Innere des Kreisels ist durch gespannte Schnüre geschützt, damit in Panik geratene Kühe die Blumenpracht nicht zerstören. So abwegig ist das nicht, wie eine Beinahe-Stampede am Morgen zeigte.
Wenn den Kühen die Schellen ausgezogen werden, macht sich Unruhe breit. Einige Tiere versuchen auszubüxen, drohen in die Zuschauermassen zu trampeln. Die Sennen müssen schnell eingreifen, um ein Unglück zu vermeiden. Als schliesslich über 600 Kühe und 30 Stiere in Reih und Glied angebunden sind, geht das vielstimmige empörte Muhen erst recht los.
Auch der Viehtrieb durchs Dorf ist nicht ganz ohne: Eine neugierige Kuh begehrt Einlass in die UBS-Filiale. Sie ist nur mit Mühe davon abzubringen, die Bank zu betreten.
Hörnerprobe
Fast alle ausgestellten Tiere sind klassisches Braunvieh, einige haben Brown-Swiss-Blut, wenige sind lustig gesprenkelt. Die Farbschläge reichen von hellem Braun zu tiefem Schwarzbraun bei den schön gelockten, mit beschlagenen Halftern herausgeputzten Stieren. Obwohl sie kurz angebunden sind, versuchen einige, mit den Hörnern den Nachbar-Stier oder den Preisrichter zu stupsen.
15 Bauern sind mit dem ganzen Senntum aufgefahren: Die schweren Schellen mit den geschmückten Riemen und handziselierten Beschlägen hängen an mächtigen Gestellen und werden gebührend bewundert. Darunter liegen die Fahreimer mit bemalten Böden – eine Galerie alter und moderner Appenzeller Bauernmalerei.
Teures Brauchtum
Die Sennen in gelben Hosen und roter Weste zäuerlen den wortlosen Appenzeller Naturjodel. Kleine blonde Mädchen mit kunstvoll gezöpfelten Köpfchen entzünden stolz eine Zigarette. Das ist Tradition an der «Vechschau», eine Art Initiationsritus. Einige Teenager versuchen es sogar mit Riesenzigarren und einem zum Flammenwerfer mutierten Feuerzeug.
Das gelebte Brauchtum hat seinen Preis: Bis zu 2000 Franken kann die Viehschau einen Bauern kosten. Er muss die Sennen und andere Helfer und manchmal den Transport ins Zentrum Appenzells bezahlen.
Die Blicke der «Konkurrenz» sind kritisch: Zu grosse Euter gefallen einem Jungbauern gar nicht. Aber mehr gemeckert wird nicht. Die Fortsetzung folgte am Mittwoch – da waren die Ziegen die Stars der Schau – langhaarig und schneeweiss: die frechen Appenzeller Ziegen.



























