SVP-Guru taugte nicht
Kommentar. Der Bundesrat ist jünger und sogar ein Dreimäderlhaus geworden, nachdem das Mädchen für alles ausgemustert worden ist.
Konsternation, Empörung hier – Begeisterung, gar Schadenfreude dort über Christoph Blochers Abwahl aus dem Bundesrat. – Rückblende: Der Schreibende hat sich schon vor acht Jahren in einer Kolumne beherzt dafür ausgesprochen, der Überflieger bzw. Übervater der SVP solle seine Bündner (G)Ems-Chemie-Hörner ruhig auch mal als Landesvater in Bundesbern abstossen. Vier Jahre später trat ein, was auch wir umso beherzter abermals forderten: Blocher ersetzte Ruth Metzler, die sich als Marionette der Versicherungslobby im «Rentenklau»-Sommer 2003 bzw. im vorauseilenden Pensionskas(t)engehorsam gleich selbst diskreditierte beziehungsweise disqualifizierte.
Am allerbeherztesten fanden wir nun allerdings auch, dass nochmals vier Jahre später nach Metzler auch der neue Mohr gehen kann; hat er seine Schuldigkeit getan oder ist er nicht gerade den kleinen Leuten einiges schuldig geblieben?
Zickige Polit-Primadonna
Vier Jahre Blocher sind genug, denn der Mann hat gezeigt, was er kann, und durchaus auch was erreicht: Er hat mehrheitsfähig das Asyl- und Ausländerrecht verschärft. Hier spielte Blocher zweifellos im Einklang mit der Volksseele die zickige Polit-Primadonna gegen aussen. Der Blocher-Bock hat sich aber auch zum Gärtner gemacht, der den Zaun der Personenfreizügigkeit weit bis nach Polen absteckte: Noch ist die Schweiz nicht verloren, obwohl sie sich in der europäischen Integration noch nicht ganz gefunden, eingefunden, ja neu erfunden hat …
Personenfreizü(n)gigkeit
Blocher war nicht einfach ein Sparapostel, Blocher war geradezu ein Spar(ring)partner-Rambo, der 250 Millionen Franken eingespart hat, unter anderem auch mit einer ganz besonderen Personenfreizü(n)gigkeit gegen innen, denn Blocher war ja eine zickige, zackige Polit-Primadonna auch gegen das eigene Personal; er apostrophierte die Bundesverwaltung bekanntlich als «geschützte Werkstatt». Wer die eigenen Leute öffentlich blossstellt und für dumm verkauft, ist als Chef und Leader untragbar geworden und darf sich nicht wundern, wenn zu schlechter Letzt er selber dumm und abgewählt aus der Wäsche schaut.
Türken-(Wischi-)Baschi
Zuweilen konnte Globi Blocher selbst aussen und innen nicht richtig unterscheiden, etwa wenn er als Irrläufer auf dem Schoss der Türkei Schweizer Innenpolitik machte und gegen den Anti-Rassismus-Artikel polemisierte: Wer mit (Armenien-)Völkermordleugnern kokettiert bzw. ins gleiche Boot steigt, muss gewahr sein, dass er selbst über Bord geworfen wird, wie es nun am 12. Dezember geschehen ist.
Pose und Posse des Volkstribuns
Ein Milliardär in der Pose oder vielmehr Posse des Volkstribuns, so ein Fehlkonstrukt oder Etikettenschwindel musste ja auffliegen und rausfliegen aus dem Mass, dem Mittelmass eidgenössischer Politik! Blocher und der kleine Mann: Blocher ging auf die Kleinen, zu Recht auch auf die Kleinkriminellen los – und kuschte vor den Grossen: Blocher (mit)verantwortet etwa eine Strommarktliberalisierung, in der vorerst mal die kleinen Abnehmer die grossen Konzerne zwangssubventionieren. Blocher torpedierte die Parallelimporte, weil er satte Profite etwa von Chemie- oder Agrarmultis über attraktive Preise für den kleinen Medikamenten- oder Saatgutbezüger stellte. Blochers Bundesratsmehrheit schmälerte auch die Rendite der kleinen BVG-Sparer zugunsten der Profite einer arroganten Versicherungslobby.
Während die Banken im agilen Wettbewerb bis hinein in die US-Hypothekenkrise kundenfreundliche Produkte und Konditionen auslobten, diktierte die Versicherungslobby im Closed Shop der Pensionskassen gegen die (Kassen-)Wahlfreiheit der Versicherten mit dem schäbigen Mindestzins auch noch schlechtere Renditen just für jenes Geld, das länger als jedes andere Investment (bis zum Lebensabend) liegen bleiben muss.
Hier war Hans was Heiri, Blocher was Metzler. Da war auch Blocher nur ein Mohr, der nun gehen kann, obwohl er seine Schuldigkeit nicht getan hat, sondern gerade den kleinen Leuten einiges schuldig geblieben ist: den Bauern bessere Gestehungspreise aus dem Ausland, den Krankenversicherten günstigere Medikamente, den BVG-Sparern eine anständige und marktkonforme Rendite ihrer Langzeitgelder.
Nützlicher Idiot der Diktatoren?
Blocher versuchte sich sogar als Kritiker des Völkerrechts; da wäre wohl einer noch zum nützlichen Idioten der Diktatoren dieser Welt geworden. Gescheitert ist die Blocheriade letztlich an sich selbst, an der Intoleranz der eigenen Partei bzw. gegenüber den eigenen profilierten Leuten. Dass der Häuptling der Unzimperlichen im Land nun selbst etwas unzimperlich ausgemustert wurde, entbehrt nicht der Ironie und einer Schadenfreude, welche nun halt auf jene zurückfällt, die seit Jahr und Tag eher Verhöhnung denn Versöhnung auf ihre forsche Fahne geschrieben haben.
Ein spätes Mädchen
Blocher sah sich als Hans Dampf in allen Departementen, als Mädchen für alles, dabei war er nur ein spätes Mädchen, das erst mit 63 Jahren sozusagen kurz vor (Karriere-)Torschluss noch Bundesrat wurde und selbst nach gerade mal vier Jahren reichlich spät bzw. überfällig pensioniert wurde, denn Top Shots der Schweizer Wirtschaft und Politik ziehen sich allgemein und ganz im Gegenteil schon einige Jahre vor dem AHV-Alter 65 vornehm und wohlbestallt zurück!
Ein Parteiguru hat als Landesvater nichts zu bestellen, das Scheitern ist unausweichlich, wenn man oder Frau sich nicht zum Staatsmann, zur Magistratin weiterentwickelt. Ein Guru ist ein Vorbeter, der eigentlich nie über Nachbeter hinauskommt, ein Spitzenpolitiker aber ist nur ein Vordenker, wenn er auch ein Nachdenker ist und flexibel genug darüber hinaus auch noch das Umdenken beherrscht.
Zürihegel – Züriflegel!
Die SVP zürcherischer (Un-)Art manifestierte im Schatten ihres Gurus zunehmend sektiererische Züge. Am Schluss hatte sich Blocher, der grosse Isolationist der Schweizer Politik, selbst so sehr isoliert, dass er nicht mal mehr das A und O jeder Politik, die Mehrheit, den Konsens nämlich, auf seiner Seite, auf seiner notorischen Schlagseite hatte. Die Zürihegel- beziehungsweise Züriflegel-SVP wird noch mehr zur Sekte verkommen, während die Partei unter Berner und Bündner Leadership neues Profil und neuen Glanz gewinnen kann.
Auch die St.Galler täten gut daran, sich aus dem Zürcher Würgegriff zu lösen, denn was die Stadt-St.-Galler SVP zurzeit zu bieten hat, ist erbärmlich: eine Alibifrau unter 14 männlichen Kantonsratskandidaten und nicht einen einzigen Regierungsratskandidaten … Da musste ja mal eine «Entmannung» mittels SVP-Bundesrätin her.
Oppositions(kon)kurs
Genauso ratlos wirkt wenige Tage nach der vollmundigen Ankündigung schon der Oppositions(kon)kurs aus Zürich selbst: In vier Jahren wolle man dann mit eigenen Leuten in den Bundesrat zurückkehren. Wie denn das? Darf Samuel Schmid, dem man kürzlich noch das Messer an den Hals setzte, der zunächst sofort, dann spätestens in einem Jahr zurücktreten sollte, nun plötzlich vier volle Jahre weitermachen? (Natürlich wird er noch vor dem Legislaturende zurücktreten und einem gemässigten Partei-«Giel» Platz machen).
Der Sitz der 51-jährigen Eveline Widmer-Schlumpf wird gewiss zehn bis zwälf Jahre sehr versiert und nachhaltig besetzt bzw. unangreifbar bleiben! Und dass die SVP in eidgenössischen Wahlen, wie angedroht, gar 51 Prozent beziehungsweise die absolute Mehrheit holen könnte, ist völlig illusionär, denn just in diesen Jahren, da die Blocherpartei von Wahlsieg zu Wahlsieg taumelte, tauchten in grösseren Städten völlig konträr immer wieder rot-grüne Mehrheiten auf, ja in den urbanen Zentren der Schweiz, dort also, wo wirklich die Post abgeht bzw. die Wertschöpfung entsteht, ist Rot-Grün von Genf bis St.Gallen alleweil noch stärker vertreten als die SVP.
Das ländliche St.Gallen mag bald zu 50 Prozent und mehr aus der SVP-Wäsche gucken, in der Stadt St.Gallen liegt die SP gar ohne Grüne gleichwohl noch vor der SVP. Daran wird sich nur mehr wenig ändern.
Als Parteibüffel (ver)enden?
Die Bündnertorte und die Bernerplatte werden besser schmecken als das harte Zürcher Brot der SVP-Oppositionsfundamentalisten (hoffentlich bald einmal ohne Thurgauer und St.Galler in deren Rucksack). Und Blocher selbst? – Er könnte einem leid tun: Während andere Top Shots sich am Karrierenende als Grandseigneurs vornehm zurücklehnen können, während andere Ex-Bundesräte als UNO-Sonderberater (Adolf Ogi) oder als Sporthilfe-Präsidentin neue Ausstrahlung gewinnen, muss Blocher, der schon immer eher einfachere Gemüter bestrickte (und verstrickte), wieder als Parteibüffel in den Niederungen der Opposition alt und grau und verbraucht enden, jetzt, da dieses Mädchen für alles gar von einer dritten richtigen Frau im Bundesrat ersetzt wurde. Wenn ihn schon eine Bündnerin aus Bern verjagte, soll unser Pseudoberner doch zurück zu seiner (G)Ems-Chemie, um als Zürcher vielleicht noch mal ein richtiger Bündner zu werden.



























