Signers Kunstwerk in Appenzell
Appenzell. Wer andauernd meint, die Zeit renne davon, reise zur Beruhigung nach Appenzell, zu Roman Signers «Drehscheibe Adlerplatz».
Sie ist leicht zu finden, diese, man möchte sagen, Therapiestation für Workaholics und andere Gestresste. Das Kunstwerk, das zu einer erholsamen Rast einlädt, dreht sich fünfzehn Fussminuten vom Bahnhof Appenzell entfernt an peripherer Lage: Auf dem Adlerplatz am Ende der Hauptgasse, dort, wo sich die Metzibrücke über die Sitter spannt.
Unterirdischer Motor
Mit Esotherik oder sonstigem Hokuspokus hat Signers Skulptur nichts zu tun. Im Gegenteil: Sie schwebt nicht, sondern dreht sich mit ihren 2,5 Metern Durchmesser mitten auf dem leicht schrägen Platz, ist ganz in den Belag eingelassen, ist so grau wie er und wie Teil davon. Unterirdisch angetrieben wird sie von einem Motor einer Kreuzlinger Maschinenfabrik, mit der Signer regelmässig zusammenarbeitet.
Dass sich da was bewegt, sieht man erst aus der Nähe. Drei Minuten braucht die Scheibe für eine Umdrehung. Und wenn man sich am Rand drauf stellt, den Blick gegen aussen, merkt man, was der Künstler meint, wenn er sagt: «Die Drehscheibe ist ein Instrument zur Zeit- und Raumerfahrung.»
Vielfältige Perspektiven
Drei Minuten Appenzeller Alltag, das beschere «Gefreutes und Ungefreutes», so Signer. Die Geduldigen werden jedenfalls mit einer immensen Flut wechselnder Bilder belohnt.
Ganz langsam fährt wie in einem alten Film die Brücke vorbei, in den Blick kommt Signers Geburtshaus, dann der gemalte Adler im Giebel der nahen Konditorei, die Hauptgasse öffnet sich, und die Kirche St. Mauritius unterstreicht mit harten Glockenschlägen ihre wuchtige Präsenz. Dazwischen leuchten Hügel, fliesst die Sitter, kugelt sich in einer Gasse ein Brunnen.
Und immer wieder kommen Menschen vor in diesem filmischen 360-Grad-Panorama. Zu Fuss überqueren sie den Platz, jugendliche Velofahrer flitzen vorbei, Autos suchen sich eine Lücke.
Niemand stoppt, wundert sich, ärgert sich. Nur eine Gruppe Kinder will auch auf die Scheibe, sich drehen lassen. Für sie ist sie wohl ein Karussell. Einige Erwachsene lassen sich immerhin bitten und posieren für die Fotografin.
Erstes Kunstwerk in Appenzell
Die «Drehscheibe Adlerplatz» ist Roman Signers bisher einziges Kunstwerk in Appenzell. 1989 hat sich der Künstler mit seiner berühmten «Aktion mit einer Zündschnur» von seinem Geburtsort verabschiedet und sich in 35 Tagen unendlich langsam entlang brennender Schnüre ins 20 Kilometer entfernte St. Gallen abgesetzt. Dort wohnt er noch heute.
Seine künstlerische Rückkehr sei vor allem Roland Inauen zu verdanken, betont Signer. Ohne den Konservator des Museums Appenzell gäbe es hier seine runde Platte nicht.
Im Juni 2005 war es soweit. Anlässlich der Übergabe an die Öffentlichkeit stellte sich die Kantonsregierung drauf, in corpore. Diese Akzeptanz hat den Künstler gefreut. Seither kommt er häufiger nach Appenzell, um sicher zu sein, dass sich seine Scheibe weiterhin reibungslos bewegt.



























