• Aargau
  • Appenzell Ausserrhoden
  • Appenzell Innerrhoden
  • Basel-Landschaft
  • Basel-Stadt
  • Bern
  • Freiburg
  • Genf
  • Glarus
  • Graubünden
  • Jura
  • Luzern
  • Neuenburg
  • Nidwalden
  • Obwalden
  • Schaffhausen
  • Schwyz
  • Solothurn
  • St.Gallen
  • Stadt Winterthur
  • Stadt Zürich
  • Tessin
  • Thurgau
  • Uri
  • Waadt
  • Wallis
  • Zug
  • Zürich

Sieben junge Männer zelebrieren einen alten Brauch

Urnäsch. Appenzeller Tradition pur ist, wenn das ausserrhodische Hinterland den alten Silvester feiert. Seit 20 Jahren dabei ist der "junge Waisenhausschuppel". Sieben junge Männer ziehen 20 Stunden lang von Hof zu Hof.

Es ist 6 Uhr morgens, sechs Cousins aus der Familie Frick und ein Freund treffen sich bei Ueli. Die sieben sind ein eingeschworener «Schuppel» (Gruppe). Sie zogen schon vor 20 Jahren als Goofeschuppel (Kindergruppe) herum, wie sie es von ihren Vätern, dem «alten Waisenhausschuppel», gelernt hatten.

Zuerst frühstücken die jungen Männer, die alle in Urnäsch aufgewachsen sind, aber nicht mehr alle am Fuss des Säntis leben. Uelis Frau serviert Speck-Rösti und Spiegeleier – ein deftiges Mahl. Schliesslich brauchen die Chläuse Energie für den langen Tag und einen «Boden» für den Glühwein, der heute in Strömen fliessen wird.

Die «Groscht» (Kostüm) liegt bereit. Der junge Waisenhausschuppel hat Premiere als «Schöne», das sind in farbigen Samt gekleidete «Rolli» und «Schelli». Sie tragen kiloschwere Rollen und Schellen über der Brust, liebliche Masken und bunt verzierte Hauben oder Hüte auf den Köpfen, welche Szenerien aus dem Appenzellerland darstellen.

Thema des Schuppel ist das Urnäscher Vereinsleben. «Ob dick oder dünn, gross oder klein, zusammen hält der Verein», steht auf den Hauben der «Rolli».

Für die neue «Groscht» haben die sieben Chläuse, die als Bauern, Schreiner, Forstwart, Holzhändler oder Metzger ihr Brot verdienen, ein ganzes Jahr ihre Freizeit geopfert.

Die Holzfiguren, welche die Hüte und Hauben mit Szenen aus dem Turnverein, dem FC Urnäsch oder Sanitätern, Skifahrern, Musikanten und Tänzern verzieren, sind von Hand geschnitzt und bemalt.

Andächtig und ohrenbetäubend
Endlich sitzt die «Groscht», und im klirrend kalten Morgengrauen gehts los auf den «Strech», ein geplanter Weg, der von Hof zu Hof führt. Voran rennt der «Vorrolli», eine Frauenfigur mit Rollen, Tracht und Haube.

Der «Vorrolli» kündigt den Schuppel auf dem Hof an. Ihm folgen schön hintereinander die fünf Schellenchläuse mit den riesigen Senntumsschellen auf Brust und Rücken und den viereckigen Hüten auf dem Kopf. Wenn auch der «Noerolli» angekommen ist, schellen und rollen die Chläuse, dass es seine Art hat.

Rasch erscheinen die Hausbewohner, die nicht erst aus dem Bett geschreckt werden, sondern die Chläuse bereits erwarten. Nach und nach verklingt das ohrenbetäubende Schellen. Es wird ruhig, und die jungen Männer stimmen ein «Zäuerli» an, einen wortlosen Appenzeller Jodel.

Andächtige Stimmung kommt auf. Die Szene ist atemberaubend: Die bunten Chläuse vor dem jahrhundertealten Haus, hinten der Tannenwald, die sanften Hügeln und darüber der tintenblaue Himmel, an dem der noch fast runde Mond leuchtet.

Kaum sind die wunderschönen Stimmen verklungen, schellen und lärmen die Chläuse wieder, dass die beiden Hundewelpen erschreckt zu bellen anfangen. Dieses Ritual wiederholen die Männer viermal. Dazwischen flösst die Hausfrau den Masken mit einem Schläuchlein Glühwein ein.

Besuch ist Überraschung und Ehre
Der Bauer steckt dem «Vorrolli» zwei Zwanzigernoten zu. Alle geben sich die Hand und wünschen einander «ä guäts Neus» und weiter geht es zum nächsten Hof. Welche Häuser besucht werden, weiss nur die Gruppe. «Es ist eine Überraschung», erklärt Ueli Frick.

Auch die Route, welche die 30 bis 40 Schuppel durchs weitläufige Urnäschtal nehmen, ist nicht offiziell. Die Touristen, die zu Tausenden und immer zahlreicher an den alten Silvester kommen, obwohl das regionale Tourismusbüro keine Werbung macht, finden die Chlausenschuppel problemlos. Sie müssen nur die Ohren spitzen.

Für die Hausbesitzer ist jeder Besuch eine Ehre, ganz besonders für Heidi und Röbi Schwitzer, die den «jungen Waisenhausschuppel» zum Znüni bewirten. Die Hüte und Masken werden abgelegt. In der warmen Stube gibt’s Käseschnitten und Weisswein, Kuchen und Kaffee und zwischendurch an der frischen Luft eine Zigarette.

Während der betagte Bauer von Zeiten schwärmt, in denen er selbst noch chlausen ging und die Hausfrau immer noch mehr Leckereien auftischt, kündigt das Schellen einen weiteren Schuppel an. Ein Goofeschuppel «Schö-Wüeschte» kommt auf den Hof.

Keine Nachwuchsprobleme
Kugelrunde Kinderaugen lugen scheu, aber neugierig hinter den Masken aus Tannzapfenschuppen hervor. Noch unsicher stimmen sie ein Zäuerlein an. Beim Schellen fühlen sich die Kleinen offensichtlich wohler. Sie hüpfen und springen, dass die Tannenzweige an ihren Gewändern durch die Luft fliegen.

Die Männer vom «Waisenhausschuppel» nicken anerkennend. Sie sind gerührt. «So waren wir auch einmal» sagt einer etwas melancholisch. – Gut, hat der urtümlichste aller Appenzeller-Bräuche keine Nachwuchssorgen.


Entarterter Nikolaus-Brauch
Die Ursprünge des Silvesterchlausens sind nicht bekannt. Gemäss neusten Erkenntnissen hat der Brauch keinen heidnischen Hintergrund, sondern ist auf einen entarteten spätmittelalterlichen Nikolaus-Brauch zurückzuführen.

Erstmals wird das «Klausen» gemäss dem Appenzeller Brauchtumsmuseum in Urnäsch 1663 schriftlich erwähnt. Die kirchlichen Behörden wehrten sich gegen das «in der Nacht herumlaufen mit schellen und polderen in Form des Niklausens».

Auch dass die Ausserrhoder Gemeinden den Silvester nicht am 31. Dezember, sondern erst am 13. Januar feiern, hat religiöse Gründe. Im Tal der Urnäsch weigerten sich die Menschen, den seit 1798 vorgeschriebenen Gregorianischen Kalender anzuerkennen.

Silvesterchlausen ist ein Männerbrauch, obwohl manche Chlausen Frauenfiguren darstellen. Die Frauen helfen beim Kostümieren und verpflegen die Schuppel (Gruppen). Nur in Kinderschuppel machen manchmal auch Mädchen mit.

Chlausen ist körperlich anstrengend. Die Schellen oder Rollen wiegen 10 bis 12 Kilogramm. Die Schuppel legen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein eine Strecke von bis zu 20 Kilometern zurück. Gefragt ist zudem Trinkfestigkeit, denn auf jedem Hof bekommen die Chläuse Glühwein oder Wein.

Appenzell AusserrhodenAppenzell Ausserrhoden / 14.01.2009 - 07:48:00