«Schön, ihr ein Daheim zu geben»
Herisau/AR. Die Gemeinde Herisau sucht weitere Tages- und Pflegefamilien, am 9. Februar findet ein Informationsanlass statt.
Was bedeutet es, ein Kind aufzunehmen? Die Herisauer Pflegemutter und Kindergärtnerin Barbara Nef Looser erzählt.
«Elena kam vor zehn Jahren zu uns. Den Moment vergesse ich nicht mehr, als das Sozialamt zusammen mit der Mutter und dem Kind zu Besuch kam um zu schauen, ob es passt. Alles ging zack-zack, nur gut eine Woche lag zwischen der Anfrage durch eine Bekannte und der Aufnahme bei uns. Der Anfang war relativ einfach, obwohl ich damals ein einjähriges Kind hatte. Elena war vier Jahre alt und konnte sich schon gut selber beschäftigen. Sie nannte mich bald Mami, vielleicht weil sie es von meinem kleinen Sohn hörte, der gerade sprechen lernte. Ein Jahr später zogen wir mit meinem jetzigen Mann zusammen, der zwei Söhne von damals 9 und 11 Jahren mit in die Ehe brachte.
Gewissheit, zusammenzubleiben
Die vier Kinder wuchsen auf wie Geschwister, vor allem die beiden kleinen. Natürlich gab und gibt es auch Streit. Dann kann es schon einmal heissen, »Du bist ja gar nicht meine richtige Schwester« oder »mein richtiger Bruder«, auch wenn sie sich an kein Leben ohne den anderen erinnern können. Und hergeben wollen sie einander auch nicht. Mir werfen sie manchmal vor, ich kümmere mich zu oft um das andere Kind, aber auch das ist normal unter Geschwistern, denke ich. Hauptsache alle wissen, dass wir EINE Familie sind, dass wir zusammengehören und zusammenbleiben. Dies war mir von Anfang wichtig: Elena das Gefühl zu vermitteln, zu dieser Familie zu gehören. Das war insofern etwas einfacher als in anderen Pflegefamilien, als sie nicht die einzige ist, die Mutter oder Vater ausserhalb unserer Familie hat: Bei uns verbringen alle Kinder jedes zweite Wochenende beim geschiedenen Elternteil.
Zwei Mamis
Ebenfalls speziell bei uns ist, dass die leiblichen Eltern unserer Pflegetochter so nahe sind. Mutter und Vater wohnen in der Region, den Vater sieht sie sporadisch, die Mutter und ihre älteren Geschwister regelmässig. An Elenas Geburtstag treffen sich alle bei uns. Das gibt dann zum Teil lustige Situationen, wenn sie mich und ihre leibliche Mutter mit Mami anredet. Aber Elena geht locker mit der Situation um. Und nun, da sie älter ist, kann ich mit ihr besser über alles reden. Das entlastet sehr.
Wie ein eigenes Kind
Es ist ein schönes Gefühl, Elena ein Daheim zu geben, und das seit zehn Jahren in stabilen Verhältnissen. Wenn andere sagen: »Das ist ja unglaublich, was ihr leistet«, dann denke ich: für uns ist das normal. Der einzige Unterschied zu einem eigenen Kind besteht darin, dass wir ein Pflegegeld erhalten. Wobei: ein emotionaler Unterschied zur Beziehung zu meinem leiblichen Sohn bleibt. Das wollte ich mir lange nicht eingestehen. Elena versteht das zum Glück: Ihr geht es auch so, wenn ihre »richtige« Mutter da ist. Nun ist sie 14 und zu einem aufgestellten Mädchen geworden, darauf sind wir stolz. Letzthin sagte jemand: »Dass sie bei Euch auch mal Dampf ablässt, ist eigentlich ein riesiges Kompliment. Das bedeutet, dass sie nicht Angst hat, deswegen verstossen zu werden.« Solche Erkenntnisse machen uns Mut: Wir haben es als Pflegeeltern nicht so schlecht gemacht.»
Pflege- und Tagesfamilien gesucht
Einem Kind tageweise, für ein paar Wochen, Monate oder gar Jahre ein neues Zuhause zu geben, kann eine erfüllende, aber auch anstrengende Aufgabe sein. Derzeit leben in Herisau ein Dutzend Kinder in Pflegefamilien, dazu kommen knapp 20 Kinder in Tagesfamilien. Die Gemeinde sucht nun in Zusammenarbeit mit der auch für das Appenzellerland zuständigen Kinder- und Jugendhilfe St.Gallen (www.kjh.ch) weitere interessierte Familien, die sich vorstellen können, vielleicht einmal ein Kind bei sich aufzunehmen. Allfällige Fragen beantwortet die Tagesfamilienvermittlung Herisau, Brigitte Täschler (071 558 80 94), oder die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen, Thomas Bont (071 222 53 53). Ferner findet am 9. Februar ab 20 Uhr im Schulzimmer E 07 der Sekundarschule Ebnet ein unverbindlicher Informationsanlass statt.



























