Rabeneltern, Perverse und Drogendealer
AR/AI. Wenn es nach den Benutzern von rottenneighbor.com ginge, bestünde die Welt fast nur aus äusserst unangenehmen Nachbarn - und aus einigen wenigen Scherzkeksen.
Schimpf und Schande, Lob und Tadel – berechtigt oder unberechtigt – jedermann kann nun endlich loswerden, was er über seine Nachbarn denkt. Und die ganze Welt kann es lesen. Ob in den USA, Japan oder im Appenzellerland: Auf www.rottenneighbor.com kann man seine Nachbarn an den öffentlichen Pranger stellen.
Nicht selten unter der Gürtellinie
Das Prinzip funktioniert ganz einfach: Alle Internetbenutzer haben nach dem Einloggen die Möglichkeit, auf einer weltweiten Strassenkarte Kommentare über ihre Nachbarn oder auch über andere Bewohner eines Hauses kundzutun. Dies, indem man ein Häuschen setzt – ein rotes für negative Kommentare, ein grünes für positive – und den entsprechenden Kommentar dazu schreibt. Nicht selten zielen diese weit unter die Gürtellinie, wie ein Blick auf die Website zeigt. Auch rassistische und sexistische Texte sind keine Seltenheit – und obwohl auch die Möglichkeit besteht, die Nachbarn positiv hervorzuheben, überwiegt Denunziation bei Weitem.
Sinn und Zweck der Webseite ist laut Brant Walker, Betreiber von rottenneighbor.com, die Wohnungssuche zu vereinfachen. Man könne sich schon im Voraus darüber informieren, wo man hinziehen könnte – oder wahrscheinlich vor allem, wo man eher nicht hinziehen könnte. In den USA wimmelt es bereits von Einträgen, auch in Deutschland mehren sie sich und in der Schweiz scheint sich das «nachbarschaftliche an den Webpranger stellen» ebenfalls langsam zu etablieren.
Rarität im Appenzellerland
«SVP-Wähler Beiz», «Gärtnerin, die trotz ihrer Hässlichkeit keinen Mann an sich ran lässt», «Hier wohnt eine sehr komische Familie, die es vorzieht, von der Aussenwelt abgeschottet zu leben» – diese und wenige andere Kommentare findet man im Appenzellerland. Tatsächlich scheint die Website unter den Ausser- und Innerrhodern noch nicht wirklich bekannt zu sein. Gegenwärtig finden sich im ganzen Appenzellerland nur knapp ein Dutzend Häuschen, die Mehrheit dieser ist rot gefärbt.
«Das interessiert uns überhaupt nicht»
«SVP-Wähler Beiz. Gäste oftmals betrunken und pinkeln bei den Nachbarn an die Wände»: So lautet der Eintrag für ein Restaurant in Herisau. Dem Restaurant ist dieser Kommentar nicht bekannt und man möchte auch nicht mit derartigen Anschuldigungen konfrontiert werden: «Das interessiert uns überhaupt nicht, wir nehmen keine Stellung dazu».
Auch ein weiterer Konfrontationsversuch scheitert: Eine Mieterin in Heiden, über die es auf rottenneighbor.com heisst, sie lasse trotz ihrer Hässlichkeit keinen Mann an sich heran, ist kürzlich ausgezogen.
In der Gibelhalde in Herisau hingegen scheint man zufrieden zu sein mit seinen Nachbarn: «Nette Nachbarn», heisst es dort schlicht.
Grundsätzlich gestaltet sich eine Suche nach den Angeschwärzten eher schwierig, da auf der Karte keine Hausnummern und bei den Kommentaren selten Namen angegeben werden. Ein letztes bisschen Schutz geniessen die vermeintlichen Drogendealer, Hässlichen und Schreihälse also doch noch.
«Schwierig, den Urheber ausfindig zu machen»
Der Polizei ist diese Seite nicht bekannt. «Bei uns sind wegen dieser Webseite bisher noch keine Anzeigen erstattet worden», so Willi Moesch, Mediensprecher der Ausserrhoder Kantonspolizei. Anzeige erstatten wäre theoretisch möglich. «Bei einem beleidigenden Inhalt oder einer Drohung kann der Urheber des Kommentars rechtlich verfolgt werden», erklärt Moesch weiter. Allerdings sei es sehr schwierig, diesen ausfindig zu machen: «Es ist ähnlich wie beim Chatten. Es gibt die Möglichkeit, einen solchen Kommentar zurückzuverfolgen – die Frage ist nur wie weit.»
Autoschlüssel, Hunger und Osama
Tatsächlich treiben auf der Webseite aber nicht nur Denunzianten ihr Unwesen – zweifelsohne haben sich auch einige Scherzkekse auf rottenneighbor.ch eingefunden.
«My car keys were lost right around here. Can you all please let me know, if you see them?», heisst es beispielsweise in Punta Arenas, im äussersten Südzipfel Chiles. Der einzige Eintrag in Äthiopien ist im Gegensatz dazu markaber und pietätlos: «I am so ****** hungry i ate my brother», heisst es da. Wohingegen der einzige Kommentar, der bis vor kurzem in Afghanistan existierte, eher zum Schmunzeln anregte: «Osama ist der lauteste Nachbar, mit dem ich je eine Höhle geteilt habe.»



























