Philipp Egli verlässt St. Gallen nach acht Jahren
St. Gallen. Tanzchef Philipp Egli verlässt das Theater St. Gallen nach acht Jahren.
Der experimentierfreudige Choreograf und Tänzer hat mit seinen «Raumgriffen» an originellen Spielorten, etwa einer Velowerkstatt oder einem Feuerwehrdepot, Akzente gesetzt.
Als Philipp Egli im Sommer 2001 die Leitung des Tanzensembles in St. Gallen übernahm, fehlte es an einer festen Spielstätte für die Sparte. Der Zürcher machte aus der Not eine Tugend: Mit seinen «Raumgriffen» brachte er den Tanz in den Stadtpark, ins Feuerwehrdepot oder in die «Veloflicki», ein Arbeitslosenprojekt.
Mit dem Stück «Schlafende Hunde wecken» in der Lokremise gab Egli einen Anstoss zum Umbau des ausgedienten SBB-Gebäudes beim Hauptbahnhof in ein Kulturzentrum. Weil sich das Projekt mehrmals verzögerte, entschloss sich Egli Anfang 2008 zum Wechsel an die Zürcher Hochschule der Künste.
Dort wirkt er am Aufbau eines Bachelor-Studiengangs Tanz mit. Neuer Tanzchef am Theater St. Gallen wird ab der Spielzeit 2009/2010 Marco Santi.
«Ein Blick zurück. Ein Schritt nach vorn»
Mit dem Tanzstück «Ein Blick zurück. Ein Schritt nach vorn» in der St. Galler Kathedrale nimmt Philipp Egli Abschied vom Theater St. Gallen. Das Publikum dankte dem Tänzer und Choreografen am Mittwochabend mit stehenden Ovationen.
Die letzte Szene tanzt Philipp Egli allein: Zu einer Fanfare des Solotrompeters Gregory Flynn schüttelt er seine St. Galler Vergangenheit gleichsam ab. Der Trompeter bläst zum Aufbruch, der Tanzende blickt nach vorn, in die Zukunft. «Ein Blick zurück. Ein Schritt nach vorn» beeindruckt durch eine sehr konkrete
tänzerische Sprache. Das Stück «handelt» von Annäherungen und Zurückweisung, vom Suchen und Staunen, von Neugier, Konfrontation und Kampf, von Übermut und Luftsprüngen; vom Menschen, der etwas anreissen will, von Begeisterung, aber auch von Enttäuschung und von Aussenseitern.
Übergangsriten
Egli will mit seiner Choreografie mehr als ein persönliches Statement abgeben. Passend zum Kirchenraum, greift er auch religiöse Übergangsriten wie Taufe und Begräbnis auf, in denen es um Abschied und Neuanfang geht. Die vier Tänzerinnen (Soo-Jin Lee, Raquel Miro Roca, Monica Schneider, Kuan
Ling Tsai) und drei Tänzer (Samuel Delvaux, Sinaroth-Jonathan Huor, Philipp Egli) bewegen sich in wechselnden Formationen auf der T-förmigen, laufstegähnlichen Bühne im Kirchenschiff, einmal rasant, dann wieder im Zeitlupentempo.
Orgel und Trompete
Kontrastreich ist auch die Musik: Orgelwerke aus dem 19. Jahrhundert von Alexandre Guilmant, Charles-Marie Widor oder Léon Boëllman wechseln mit modernen Kompositionen für Orgel und Trompete von Henri Frieden Tomasi, Eric Schmidt, Stanley Friedman, André Fleury und Lubos Fiser, virtuos interpretiert
vom Domorganisten Willibald Guggenmos und dem Trompeter Gregory Flynn.
Zwischendurch gibt es stillere Momente, etwa wenn die Tanzenden zum Rauschen des Windes, jeder für sich, über die Bühne wirbeln, oder wenn sie zu Vogelgezwitscher im Wald ihren Weg suchen.
Die Lichtregie (Andreas Enzler) taucht die Kathedrale jeweils in die passende Farbe. Schatten der Tanzenden geistern um die barocken Säulen. Zur harmonischen Gesamtstimmung des Abends tragen die in Erdfarben gehaltenen Kostüme (Marion Steiner) bei.
Das St. Galler Publikum bedankte sich mit ungewöhnlich lebhaftem Applaus. «Tanz in der Kathedrale» wird im Rahmen der Festspiele auf dem Klosterplatz zwei weitere Male gezeigt, am 2. und 6. Juli.



























