Passivrauchen: Gesundheitsschäden
AR. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Ausserrhoder Lungenliga, Renato Waldburger, über das neue Gesundheitsgesetz
In Ausserrhoden steht eine wichtige Abstimmung bevor. Dr. Renato Waldburger setzt sich für zweimal Ja zum neuen Gesundheitsgesetz ein.
Ausserrhoden ist neben dem Kanton Tessin einer der ersten Kantone, welcher eine solche Vorlage vors Volk bringt. Sind sie erfreut darüber?
Renato Waldburger: Die Frage nach meiner Freude oder Nichtfreude ist in dieser Form unerheblich. Jeder Kanton, der heute und in nächster Zeit ein neues Gesundheitsgesetz ausarbeitet, muss sich der wichtigen Frage des Passivraucherschutzes stellen, weil Freiheit vom Passivrauch nun einmal ein Gebot der Stunde ist. Der Tabakindustrie ist es 40 Jahre lang gelungen, mit Bestechungen, Lügen und Betrug die Wahrheit, dass nämlich auch Passivrauchen schädlich und sogar tödlich ist, zu verschleiern. Bei fortschrittlichen Entwicklungen, die Eingang in neue Gesetze finden, sind einmal die einen Kantone vorne, mal die anderen. Neben Tessin und Solothurn, die beide per Volksabstimmung Ja gesagt haben, kommt hoffentlich am 25. November noch Graubünden hinzu, wo über ein Referendum zur genau gleichen Thematik wie in Ausserrhoden abgestimmt wird. Somit wären es dann mit uns bereits vier Kantone, nebst natürlich zahlreichen Staaaten in Europa und in Übersee, die eine ähnliche Regelung, wie sie jetzt bei uns beabsichtig ist, bereits seit langem kennen. Nirgends hat es je Bestrebungen gegeben, wieder zum alten Zustand zurückzukehren. In fast allen Kantonen laufen derzeit Vorbereitungen entweder für Volksinitiativen oder über Vorlagen aus den Regierungen heraus, den Passivraucherschutz im Gesetz zu regeln. Der einzige Kanton, der bis jetzt gar keine Regelung auf Gesetzes- oder Verordnungsstufe kennt, ist Appenzell Innerrhoden. Neue Gesetze sollten mit Blick auf morgen und übermorgen, und nicht aus einer rückwärtsgewandten Optik heraus inspiriert sein.
Welche Meinung vertreten Sie gegenüber dem geplanten Werbeverbot für Tabak und Alkohol?
Die Tabakindustrie verkauft mittels Werbung tödliches Gift. Würde sie nicht an einen Erfolg der Werbung glauben, würde sie damit aufhören. Sie glaubt nicht nur an den Erfolg der Werbung, sondern sie hat ihn mittels wissenschaftlicher Methoden über viele Jahre untersucht und immer wieder nachgewiesen. Er funktioniert so, dass Rauchen visuell und sprachlich in einen Zusammenhang gestellt wird mit Jugendlichkeit, Schönheit, Gesundheit, unberührter Natur, Abenteuer, Freiheit und Sportlichkeit. Wer wird denn da bei soviel positiver Symbolik noch an die Schädlichkeit von ein bisschen genussvoll inhaliertem Zigarettenrauch denken – höchstens uncoole Spielverderber und Miesepeter. Dieser Strategie gilt es eine klare Absage zu erteilen, weil wir sie mittlerweile endlich durchschauen. Sie ist eine reine Verführung und zynische Irreführung vor allem der Jugendlichen, aber auch vieler Erwachsener. Die Jugendlichen nehmen uns nur bei unserem Vorbild ernst, dem Vorbild, das die Gesellschaft abgibt- handelt sie danach, wenn sie sagt, rauchen sei schädlich- oder sagt sie es nur und tut genau das Gegenteil, nämlich dafür noch werben? Also: Ich bin klar für das Werbeverbot, so wie es in Artikel 16 geregelt ist. Dort steht auch, dass der Regierungsrat Ausnahmen bestimmen kann.
Zurück zum geplanten Rauchverbot. Sie wollen, dass Gaststätten rauchfrei werden. Warum?
Gaststätten sind halböffentliche Räume, die zwar Privatpersonen gehören, jedoch gegenüber ihren Gästen gewisse Verpflichtungen haben und daher gesetzlichen Bestimmungen unterliegen wie zum Beispiel im Hygienebereich, im Lärmbereich, im Bereich des Spielens um Geld und so weiter. Wenn nun die Schädlichkeit des Passivrauchens klar und zweifelsfrei nachgewiesen ist- und dieses wird ja von niemandem bestritten- dann ist es nur folgerichtig, hier eine Regelung einzufordern. Ein ganz grosser Anteil des Passivrauchens geschieht in den Gastronomiebetrieben, die Schadstoffbelastung der Luft kann in schlecht gelüfteten Gaststuben bis zum Zwanzigfachen des Üblichen ansteigen, jedoch auch bei guter Belüftung noch bis über das Zehnfache hinaus. Die Angestellten in der Gastronomie, die sich zu 70 Prozent selber einen rauchfreien Arbeitsplatz wünschen, sowie die nichtrauchenden Gäste müssen vor diesen Immissionen geschützt werden. Natürlich nützt es letzlich auch der Gesundheit der Wirtefamilien, und dort wiederum besonders derjenigen der Kinder. Die Gegner sagen, ein Raucherverbot wäre ein Eingriff in die Privatsphäre der Gaststätten. Immerhin leben wir in einem freien Wirtschaftsraum. Es stehen sich gegenüber: die Freiheit des Rauchers, überall rauchen zu dürfen und die Freiheit des Nichrauchers vor dem ungewollten Passivrauchen. Also steht die eine Freiheit gegen eine andere, und es braucht ein Abwägen. Die sogenannte Freiheit zum Rauchen gibt es dabei aus meiner Erfahrung heraus nur beim reinen Genussraucher, somit nur sehr selten- beim Regelfall des Suchtrauchens hingegen ist sie eine Scheinfreiheit, die nicht selten denjenigen, der raucht und sich damit gesundheitlich schädigt, im Stillen auch emotional belastet. Entsprechend sind rauchfreie öffentliche Räume eine Unterstützung für denjenigen, der die Sucht loserden möchte. Natürlich bedeutet eine solche Regelung eine gewisse Einschränkung der unternehmerischen Freiheit der Gaststättenbesitzer, so, wie jede Regelung, die im öffentlichen Interesse den Bewegungsspielraum Einzelner einschränkt. Sie bedeutet aber nicht ein absolutes Rachverbot in der Gastronomie, wie immer wieder fälschlich behauptet wird, denn auch im Artikel 17 sind Ausnahmen in Form spezieller abgetrennter Räume, sogenannten Fumoirs, ausdrücklich zugelassen.
Sie haben vorher das Passivrauchen angesprochen. Welche konkreten negativen Auswirkungen hat das Passivrauchen?
Das Passivrauchen verursacht langfristig genau die gleichen Gesundheitsschädigungen wie das Rauchen selber, allerdings entsprechend der geringeren Schadstoffbelastung langsamer und glücklicherweise weniger häufig. Es handelt sich hierbei einerseits um den chronischen Passivraucherhusten, jedoch auch um sehr ernsthafte Schäden an den Bronchien und Lungenbläschen (COPD), um Raucherkrebs der Lungen, um chronischen Sauerstoffmangel, um Gefässverkalkungen bis zu Angina pectoris, Herzinfarkt und Schlaganfall, und vor allem bei Kindern um gehäuftes Asthma. Sehr häufig sind die leichteren Vergiftungserscheinungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, schlechter Schlaf, unreine Haut und so weiter.
Wäre es nicht sinnvoller, die Menschen bereits in jungen Jahren auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam zu machen, bevor sie überhaupt in ein Alter kommen, in dem sie in Gaststätten verkehren? Was müsste in Sachen Prävention getan werden?
Alles ist sinnvoll: intensiv aufklären, sowohl die Kinder wie auch die Erwachsenen, rauchfreie öffentliche Räume schaffen zum Beispiel per Annahme des Gesundheitsgesetzes mit Variante 1 (Kreuz links) und das Tabakwerbeverbot gemäss Artikel 16 ins Gesetz aufnehmen. Wirken tut nur das effektive Vorbild, das wir als Gesellschaft und auch als einzelne Eltern geben. Eltern, die selber rauchen, haben wenig Chancen, bei einer warnenden Aufklärung von ihren Kindern als glaubwürdig empfunden zu werden. Prävention heisst, dem was wir verhindern wollen, keine Kraft mehr zu geben. Im konkreten Fall des Tabakrauchs bedeutet es, auf vielen Ebenen Räume schaffen, wo das Wesen «Tabaksucht» unerwünscht ist und nicht mehr genährt wird- und dies konsequent sowohl in den Gedanken (Werbung) als auch in den Handlungen (rauchfreie öffentliche Räume).
Gäbe es im Bereich der Prävention auch Zusammenarbeitsformen mit der Gastronomie?
Im Bereich der kulinarischen Gastronomie gibt es sicher Teilerfolge, teils hat hier ein echter Bewusstseinswandel hin zu mehr Genuss und mehr Gesundheit eingesetzt, teils spielt hier auch der Markt, in welchem die Nichtraucher klar die Mehrheit darstellen und deshalb schon das Eigeninteresse des Betriebs zumindest rauchfreie Essenszeiten gebietet. Diese sind aber längst nicht flächendeckend eingeführt. Insgesamt haben die auf Freiwilligkeit basierenden Anstrengungen der Gastroverbände ein eher enttäuschendes Ergebnis gezeigt. Gar nichts halte ich vom Argument der gegenseitig zu übenden Toleranz, das im Abstimmungskampf immer wieder erwähnt wird. Es ist dies nichts als ein Schlagwort, das sich spätestens bei der ersten Meinungsverschiedenheit als unbrauchbar erweist- denn intolerant ist natürlich immer nur der Andere. Angebote zur Zusammenarbeit wurden den Gastroverbänden von den Lungenligen in anderen Kantonen gemacht, auch auf gesamtschweizerischer Ebenen fanden Gespräche statt. Mir ist zumindest nicht bekannt, dass konkrete Projekte erfolgreich aufgegleist wurden- ich bin aber nicht über alle Einzelheiten informiert.
Wie schätzen Sie die Ausgangslage der bevorstehenden Abstimmung ein? Hat das Rauchverbot realistische Chancen?
Zunächst einmal ist auf etwas ganz Entscheidendes hinzuweisen: Wer gegen den Passivraucherschutz auch in der Gastronomie ist, der muss deshalb das Gesetz, das ein sehr Gutes ist, nicht ablehnen. Seine Interessen sind mit zweimal Ja (für das Gesetz als Ganzes) und einem Kreuz für Variante 2 (gegen den Passivraucherschutz in der Gastronomie) gewahrt. Die grosse Mehrheit, nämlich 70 Prozent der Bevölkerung, sind Nichtraucherinnen und – raucher. Deren Interessen, wie übrigens auch die Interessen sehr vieler Raucher und Raucherinnen, sind am besten gewahrt mit zweimal Ja und einem Kreuz links bei Variante 1. Ich denke, unsere Stimmbürgerinnen und – bürger werden trotz der populistisch aufgezogenen Argumentation der Gegenseite und deren Spekulation auf die notorischen Neinsager einen klaren Kopf behalten und fortschrittlich- zukunftsgerichtet entscheiden. Mein Tip: 55:45 für das Gesundheitsgesetz mit Passivraucherschutz.



























