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Multikulti am Bodensee

Kreuzlingen/TG. Eine kleine Grenzstadt, in der jeder Zweite keinen Schweizer Pass hat - wie lebt es sich hier?

Pfarrer Wolfgang Powischer fühlt sich in Kreuzlingen zwar daheim, aber nicht zuhause. Dabei stammt er nicht von einem fernen Kontinent, sondern aus dem nahen Österreich.
 
«Sehr wahrscheinlich muss ich Sie jetzt enttäuschen», sagt Wolfgang Powischer, als er in seinen leicht in die Jahre gekommenen BMW steigt und zur Rundfahrt durchs multikulturelle Kreuzlingen einlädt. «Irgendwelche Ausländerbrennpunkte gibt es bei uns nämlich keine zu sehen.»
 
Die Route führt über die Hauptstrasse hinunter an den Schiffsteg, von wo der Blick über die schimmernde Weite des Bodensees nach Deutschland gleitet. Dann rollt der BMW hinauf auf einen frühsommerlich-grünen Hügel, mit Aussicht auf die Ortschaft, die ein Zusammenschluss von drei Dörfern ist und mangels Zentrum
ziemlich unstrukturiert wirkt. Neben dem direkt angrenzenden, bereits auf deutschem Boden liegenden Konstanz sieht Kreuzlingen bescheiden und unaufgeregt aus. Und irgendwie sehr schweizerisch.
 
Wiener Schnitzel und Steinway-Flügel
Unaufgeregt wirkt auch Wolfgang Powischer. In Oberösterreich geboren und aufgewachsen, seit dreissig Jahren evangelisch-reformierter Pfarrer in Kreuzlingen, kurz vor der Pensionierung stehend. Ein viel belesener Mann, der gute Österreicherwitze lustig findet.
 
Auf der Website der Kirchgemeinde schreibt er von sich: «Was ich auf eine einsame Insel mitnähme? Hebräische Bibel, Steinway-Flügel, Schachbrett. Was ich auf jener Insel als bereits vorhanden erhoffe: Wiener Schnitzel, Sacher-Torte, ein kühles Freistädter-Bier und eine Rückfahrkarte nach Kreuzlingen.»
 
Powischer ist einer der fast neuntausend in Kreuzlingen wohnhaften Personen, die keinen Schweizer Pass haben. Bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 18 500 Personen ergibt das einen Ausländeranteil von 48 Prozent.
 
Wolfgang Powischer hat Kreuzlingen gern, aber es ist eine Zuneigung, in der eine kleine Melancholie mitschwingt. Um sie zu beschreiben, greift er zum Bonmot vom Wiener, der auf die Frage, weshalb er so viel Zeit im Caféhaus verbringe, zur Antwort gibt: «Weil ich mich dort daheim fühle, aber nicht zuhause.»
 
Seelsorger im Einsatz
Daheim, aber nicht zuhause – das findet Powischer eine treffende Formulierung für seine Situation in Kreuzlingen. «Ich fühle mich hier als österreichischer Gast und lebe damit eigentlich ganz gut.» Auf die Frage, wo er sich denn zuhause fühle, sagt er, er wisse es nicht, und schweigt dann ein bisschen.
 
Sich einbürgern zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage, weil er dann seinen österreichischen Pass verlieren würde. «Und das käme mir vor wie ein Verrat an meiner Kindheit.»
 
Der Ausländerbeirat hat zwanzig Mitglieder aus zwanzig Nationen, von Mazedonien über die Philippinen bis Dänemark. Mit dabei ist auch Deutschland, das fast die Hälfte der ausländischen Wohnbevölkerung stellt.
 
Powischer ist dem Ausländerbeirat beigetreten, weil der Integrationsdelegierte der Stadt ihn anfragte. «Er hat gesagt, ich sei einer, der den Laden hier gut kenne.» Wer mit dem Pfarrer in Kreuzlingen unterwegs ist, realisiert rasch, dass dem tatsächlich so ist. Diesen jungen Mann hat er vor ein paar Jahren konfirmiert, jenes Paar hat er getraut.
 
Für den Fall, dass jemand ihn und sein Auto nicht kennt, hat er ein selbst gebasteltes Schildchen dabei, das er hinter die Windschutzscheibe legt, wenn er irgendwo ein bisschen «kreativ» parkiert: «Seelsorger im Einsatz» steht darauf.
 
Wie erlebt Powischer als Mitglied des Ausländerbeirats denn das multikulturelle Kreuzlingen? Er stutzt einen Moment und sagt dann: «Das Ausländerproblem kenne ich eigentlich nur vom Hörensagen.»
 
Punktuell gebe es schon mal Konflikte, zwischen Schweizern und Ausländern oder unter Ausländern, vor allem bei Jugendlichen, aber eigentlich gehe es entspannt zu und her. Kreuzlingen sei eben eine offene Stadt, eine Grenz- und Transitstadt mit fünf Grenzübergängen und fünf Bahnstationen.
 
Grenzerfahrungen
Tatsächlich gibt es in Kreuzlingen nicht nur eine Vielzahl von Ausländervereinen, sondern auch ein für eine Kleinstadt grosses Angebot an Einrichtungen im Bereich Migration. Neben dem Ausländerbeirat und dem
Integrationsdelegierten existiert bereits seit 1980 eine Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen, die unter anderem eine unentgeltliche Beratungsstelle für Ausländer führt.
 
2003 gehörte die Arbeitsgemeinschaft zu den Gewinnern des interkulturellen Förderpreises ConTAKT, einer Initiative des Migros Kulturprozents. Ausserdem engagiert sich der Verein «Fremde und wir» in der Betreuung von Asyl Suchenden in der Empfangsstelle.
 
Dennoch, so einfach ist das alles offenbar doch nicht ganz. Wolfgang Powischers Lebensgefühl in der Stadt, in der er einmal begraben werden will, ist komplex. Das hat auch damit zu tun, dass das offene Kreuzlingen sich an gewissen Stellen und in gewissen Situationen eben doch abgrenzt, «sich einigelt», wie Powischer das nennt.
 
Er erzählt vom Stacheldrahtzaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz, der noch aus dem Zweiten Weltkrieg stamme und bis heute nicht vollständig entfernt worden sei.
 
Oder er erzählt davon, wie es jeweils ist, wenn er in eine Beiz einkehrt, in der ihn die Gäste nicht kennen. «Wenn ich dort in meinem österreichisch-schweizerischen Hochdeutsch etwas bestelle, verstummt das Gespräch am Stammtisch vorübergehend. Dann bin ich der Ausländer, auch noch nach dreissig Jahren.»
 
Hilfreich ist für ihn die Erfahrung, dass die Grenze zwischen Fremdsein und Dazugehören nichts Fixes ist, sondern sich manchmal auflösen kann, einfach so. Zum einen sei es seine Rolle als Pfarrer, die das ermögliche. Und zum anderen sei es die Musik.
 
Wenn er, der begeisterte Klavierspieler, der im Pfarrhaus auch gern am Steinway-Flügel sitzt, an einem Anlass ein Musikstück vortrage, merke er an den Reaktionen der Zuhörer, dass die Barrieren verschwinden. «Die Ausländerfrage wird in diesen Momenten hinfällig.»
 

ThurgauThurgau / 03.07.2009 - 09:49:24