«Meine Vergangenheit kann anderen helfen»
Herisau. In den letzten Wochen hat appenzell24 Sozialhilfebezieher vorgestellt, die ihren Alltag mit minimalen Mitteln meistern. Die Geschichte vom 37-jährigen J. A.* schliesst die Serie ab.
Der Basler J. A. verliert mit 12 Jahren seine Mutter und verfällt als Jugendlicher der Drogensucht. Mehrere Versuche, von der Sucht loszukommen, scheitern und J. A. kommt in Kontakt mit der Polizei. Um eine Therapie zu machen, kommt der Basler nach Herisau und verbringt auch einige Zeit in der Strafanstalt Gmünden in Niederteufen. Die Therapie erfolgreich abgeschlossen ist es für J. A. schwierig, eine Anstellung zu finden.
Nach acht Monaten in der Arbeitslosigkeit wird er auf die Stiftung Tosam aufmerksam gemacht und ist heute seit fünf Monaten im WinWin-Markt im Bereich Recycling tätig. Der Basler lebt in einer 2-Zimmer-Wohnung in Herisau, die 750 Franken im Monat kostet. Bald wird er in eine 3-Zimmer-Wohnung umziehen, die 770 Franken monatlich kostet. Bei seinem Monatslohn von 1600 Franken erhält J. A. keine Sozialhilfe, da sein Lohn den vorgegebenen Grundbedarf deckt.
Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Ich arbeite in einem 100-Prozent-Pensum im Bereich Recycling im WinWin-Markt. Abends wenn ich nach Hause komme bin ich oft ziemlich müde von der Arbeit und gehe meistens früh ins Bett.
Wie muss man sich Ihren Lebensstandart vorstellen?
Ich bin froh, dass ich bald eine etwas grössere Wohnung umziehen kann. Dort werde ich drei Zimmer und einen Balkon haben. Ein Zimmer kann ich dann nutzen, um mich kreativ zu betätigen. Ich male gerne Bilder und mag das Fotografieren. Was die Möbel anbelangt, schaue ich einfach, dass ich mich möglichst günstig eindecken kann. Gerade kürzlich habe ich mir ein Fernsehgerät für 40 Franken gekauft. In meiner Freizeit besuche ich ab und zu eine gute Bekannte in St. Gallen. Mit ihr gehe ich gelegentlich auch ins Kino oder unternehme etwas anderes. Ferien liegen nicht drin. Meistens besuche ich meine Familie in Basel. Kürzlich bin ich mit der Gartengruppe der Stiftung Tosam in die Toscana gereist, um dort zu arbeiten. Es hat mir sehr gut gefallen. Vielleicht lässt sich das einmal wiederholen.
Was machen Sie, um aus Ihrer misslichen Lage herauszukommen?
Ich bewerbe mich ständig, bisher ohne Erfolg. Jedoch habe ich auch im WinWin-Markt die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen. So steigt vielleicht die Chance, dass ich irgendwann einmal eine andere Stelle finden kann. Nicht, dass es mir nicht gefällt im WinWin-Markt. Ich habe hier viele gute Freunde gefunden, denen ich mich sehr gut anvertrauten kann, wenn es mir einmal nicht so gut geht. Es ist schön zu spüren, dass man mir hier vertraut.
Was motiviert Sie, für 1600 Franken morgens aufzustehen?
Für mich ist es wichtig, einen geregelten Tagesablauf zu haben. Zudem gefällt mir die Arbeit.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Gerne würde ich meine Erlebnisse weitergeben. Ich bin mir sicher, dass ich mit meiner Vergangenheit und meinen Erlebnissen anderen sehr gut helfen kann, aus einer schlechten Lebenssituation herauszukommen. Ich könnte mir vorstellen, Jugendliche zu beraten oder auf einem Sozialamt tätig zu sein. Zudem hoffe ich, dass ich eines Tages eine Familie mit einer Frau und Kindern haben werde. Ein grosser Traum von mir ist es auch, endlich die Autoprüfung machen zu können.
* Name der Redaktion bekannt. Interview: Michèle Widmer



























