
Kindergarten oder Schule ?
Leserbrief. Susann Rechsteiner, Kindergärtnerin und thurgau24-Leserin klärt in ihrem Brief über die Sicht der Kindergärnter auf, dass sich mit HarmoS nicht sehr viel ändern wird.
Ab dem neuen Schuljahr 2008/09 gehört der Kindergarten ganz offiziell zur Schulbildung im Kanton Thurgau. Der zweijährige Kindergarten ist obligatorisch und soll nach einer Übergangfrist von allen Kindern, die bis Ende Juli 4 Jahre alt geworden sind, besucht werden.
Landauf und ab wird nun seit geraumer Zeit darüber diskutiert, warum so junge Kinder schon eingeschult werden sollen. Einschulung ja, aber ist der Kindergarten nun Schule oder bleiben die wichtigsten Erziehungsziele und Merkmale der Stufe erhalten? Verschwindet der Kindergarten? Dürfen die Kinder nicht mehr spielen und sich spielerisch auf die Schule vorbereiten? Das sind Fragen, die im Moment beschäftigen.
Auch die Kindergärtnerinnen haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Aber wer bei Klassenlisten genauer hinschaut sieht, dass sich gar nicht so viel geändert hat. Schon vor dem Obligatorium besuchten 98% der bis April 4 Jahre alt gewordenen Kinder den freiwilligen Kindergarten. Also werden nach der Übergangsfrist die jüngsten Kinder nur drei Monate jünger sein als bisher.
Was bedeutet das für die Lehrkräfte der Eingangsstufe?
Der Unterricht als solches, mit Unterrichtsbausteinen wie Freies Spielen, geführte Aktivitäten, individuelle Vertiefung bleiben bestehen. Aber es muss sicher darauf Rücksicht genommen werden, dass jüngere Kinder kürzere Konzentrationsphasen haben und dass jüngere Kinder sehr viel Bewegung brauchen. Angebote und Lernsequenzen werden im Kindergarten sehr oft mit Bewegungselementen bereichert, was auch die Konzentrationsfähigkeit steigert und die Motivation fördert.
Also doch lernen? Ja, immer! Spielen ist Lernen! Lernen ist Spielen! Das Hauptthema in der Vorschulstufe. Und das Allerwichtigste: die Kinder wollen lernen! Auch schon sehr junge Kinder interessieren sich für ihre Umwelt, für Phänomene, für Unbekanntes. Und der Kindergarten ist der geeignete Ort, Neues zu lernen, bekanntes Wissen zu vertiefen und zu ergänzen. Die gut ausgebildeten Lehrkräfte sind Meister im Verpacken von unterschiedlichen Lerninhalten. Verpackt in das spielerische Lernen, verknüpft mit Sprache und Musik, erlebt über Bewegung und Spiel. Eingefügt in einer altersgemischten Gruppe, die sehr viele soziale Erfahrungen erlauben, können schon kleinste Kindergartenkinder vielfältige Erfahrungen machen. Erfahrungen, die viel Kinder leider zu Hause nicht mehr machen können.
Es ist unbestritten, dass es die Kindergartenstufe braucht. Kindergärtnerinnen werden zu kompetenten Lehrpersonen ausgebildet. Für sie war es jahrelang sehr unbefriedigend, dass der Kindergarten nicht zur Schulbildung gezählt wurde. Die Anerkennung der Eltern war immer deutlich spürbar, aber die Wahrnehmung in der Bevölkerung sehr unterschiedlich. Jetzt ist diese Stufe endlich Teil der Schulbildung. Und diese Stufe ist ein sehr wichtiger Baustein im ganzen Bildungssystem.
Die Kindergärtnerinnen des ganzen Thurgaus stehen für eine wertvolle Kindergartenzeit aller Kinder ein und wollen nur eines: zum Wohle der Kinder einen guten, abwechslungsreichen, gezielten Unterricht anbieten, der den Bedürfnissen der Kindergruppen angepasst ist. Sie wollen auch nicht den Eltern die Erziehungsgewalt wegnehmen, sondern wollen Partner in der Erziehung der Kinder sein. Partner, die für jedes Kind einstehen, weil jedes Kind wichtig ist.