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«Ich habe fast immer eine Rasierklinge dabei»

AR. Melanie* verletzt sich seit fünf Jahren selbst - ein Gespräch.

«Es sind tausende von Erinnerungen, die mich in diesen Momenten quälen»: Im Interview erzählt die 17-Jährige Ausserrhoderin Melanie* weshalb sie sich seit fünf Jahren selbst verletzt und wie sie sich dabei fühlt.

[space] Melanie*, du verletzt dich seit fünf Jahren. Wann und in welcher Situation hast du dich das erste Mal selbst verletzt?
Als ich mich das erste Mal verletzt habe, war ich zwölf Jahre alt. Es war nach einem Streit mit meinen Eltern. Ich bin eine sehr impulsive Person und wir haben uns immer sehr heftig gestritten. Nach diesem Streit war ich innerlich wahnsinnig aufgewühlt, wütend und traurig – so wütend, dass ich ein leeres Glas gegen die Wand warf. Es zersplitterte und ich wollte die Scherben zusammen wischen. Und dann hielt ich eine Scherbe in der Hand, ich weiss nicht mehr genau, warum ich es getan habe, ich habe mich einfach in den Arm geschnitten. Es war ein komisches Gefühl, doch danach fühlte ich mich paradoxerweise besser.

[space] Wie hat sich dein selbstverletzendes Verhalten weiterentwickelt?
Daran kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Ich wendete es einfach immer öfter an, wenn es mir nicht gut ging. In beinahe jeder Situation habe ich Rasierklingen dabei.

[space] Verletzt du dich nur mit Rasierklingen oder auch mit anderen Gegenständen?
Manchmal schneide ich mich auch mit einem Cutter, einer Schere, einem Messer oder steche mich mit Nadeln. Am häufigsten verletze ich mich an den Unterarmen, Oberarmen oder auch an den Brüsten.

[space] Wie unterscheidet sich das Gefühl vor der Selbstverletzung von dem Gefühl nach der Selbstverletzung?
Vorher fühlt man sich leer. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Körper nicht spüre, einfach nichts spüre, nicht «da» bin. Ich spüre nichts, kann nicht einmal weinen – ich habe früher so viel geweint, dass es jetzt oft einfach nicht mehr geht. Nach der Selbstverletzung fühle ich mich irgendwie erleichtert, dann bin ich wieder «da». Mein Arm hat dann Blut geweint, weil meine Augen keine Tränen mehr weinen können… Oft habe ich auch Schuldgefühle, weil ich es wieder getan habe. Aber das Wichtigste ist doch, dass das Schneiden mir hilft. Ich fühle mich dann für einige Zeit von meinen inneren Schmerzen befreit.

[space] In welchen Situationen verletzt du dich selbst?
Wenn ich einen schlechten Tag habe, überfordert bin, nach Auseinandersetzungen – und oft auch in der Nacht. Ich erwache aus einem immer wiederkehrenden Albtraum, der sehr viele Erinnerungen in mir weckt. Und dann fühle ich mich völlig am Ende. Ich will nur noch «raus». Es ist eine unglaubliche innere Anspannung, die mir so weh tut. Es sind tausende von Erinnerungen, die mich in diesen Momenten quälen. Und dann muss ich mich einfach schneiden, um den Schmerz los zu werden.

[space] Was sind das für Erinnerungen?
Als ich elf Jahre alt war, wurde ich sexuell missbraucht. Ich habe es verhältnismässig lange geschafft, das für mich zu behalten und es zu verdrängen. Aber wie das so ist mit solchen Erlebnissen – man kann sie nicht ewig verdrängen und irgendwie finden sie immer einen Weg, an die Oberfläche zu gelangen. Das sind die Erinnerungen, die mich in meinen Albträumen heimsuchen.

[space] Wie hat dein soziales Umfeld auf dein selbstverletzendes Verhalten reagiert? Konntest du deine Schnitte und Narben immer verstecken?
Momentan verstecke ich die Narben nicht mehr oft, die frischen Wunden schon. Es gibt verschiedenste Reaktionen. Manche Menschen sprechen mich direkt und völlig unsensibel darauf an, was mich immer sehr aggressiv macht. Andere fragen einfach ganz normal nach und ich schaffe es meistens, es ihnen teilweise zu erklären. Meine Eltern waren zuerst schockiert und verständnislos. Dann haben sie begonnen, sich zu informieren und mittlerweile kann ich mit ihnen darüber sprechen.

[space] Machst du zur Zeit eine Therapie oder hast du eine hinter dir?
Ich habe fast ein Jahr lang eine Therapie gemacht, die ich jedoch wieder abgebrochen habe. Mein Hausarzt hat mich zu einer Therapeutin geschickt, aber ich habe es nicht geschafft, genügend Vertrauen zu ihr aufzubauen und mich ihr völlig anzuvertrauen.


Ältere Artikel zu diesem Thema:
«Ich blute, also bin ich» vom 5. März 2008

Appenzell InnerrhodenAppenzell Innerrhoden / 06.03.2008 - 16:48:00