Ich blute, also bin ich?
AR/AI. Ritzen, schneiden, beissen, verbrennen: Selbstverletzendes Verhalten wird in unserer Gesellschaft zunehmend thematisiert - und häufig missverstanden. Was steckt wirklich hinter den Narben?
Bald ist es wieder Sommer: Die Röcke werden kürzer, die Ausschnitte tiefer, man zeigt mehr Haut. Doch nicht alle. Es gibt immer wieder junge Menschen, die etwas unter langer Kleidung verbergen. Immer häufiger trifft man auf Schlagwörter wie «selbstverletzendes Verhalten», «Schneiden» oder «Ritzen». Was bedeutet «selbstverletzendes Verhalten»? Und wieso fügen sich Menschen selbst Schmerzen zu?
Schneiden, beissen, Haare ausreissen
«Wenn ein Mensch sich Verletzungen zufügt, sich zum Beispiel schneidet, brennt, beisst oder sich Haare ausreisst, dann versteht man darunter selbstverletzendes Verhalten», erklärt Oberärztin Dr. med. Andrea Graf Stähelin von den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten (KJPD) St.Gallen. Die KJPD sind im ambulanten Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Kantonen St.Gallen und beider Appenzell tätig. Selbstverletzendes Verhalten kann laut Graf Stähelin als Symptom verschiedener psychiatrischer Störungen auftreten. Zu diesen Störungen zählt man beispielsweise Suchterkrankungen, Essstörungen, Psychosen oder Depressionen.
Orientierungslos in der Gesellschaft
Selbstverletzendes Verhalten beginnt sich meist im Jugendalter zu entwickeln. «Jugendliche werden oft von verschiedenen Gefühlen überflutet und haben mit sehr vielen Herausforderungen zu kämpfen», so Graf Stähelin. «Sie müssen sich orientieren in einer Gesellschaft mit unzähligen Möglichkeiten.» Zudem fehle Jugendlichen häufig die Sprache für ihre Gefühle und die Möglichkeit und Fähigkeit, sich bei Problemen Hilfe zu holen.
In der Adoleszenz tritt selbstverletzendes Verhalten also häufig auf – immer häufiger? «In den letzten zehn Jahren hat selbstverletzendes Verhalten zugenommen», bestätigt Graf Stähelin. Aber: «Das Thema war und ist noch immer mit grosser Scham verbunden. In den letzten Jahren wurde es allerdings durch die Medien ein bisschen enttabuisiert. Daher ist es auch schwierig zu sagen, ob Selbstverletzendes Verhalten wirklich häufiger auftritt, oder ob es durch die zunehmende Thematisierung einfach weniger versteckt wird. Die Dunkelziffer ist immer noch riesig.»
«Ich spüre mich nicht»
Melanie* wohnt im Kanton Ausserrhoden und ist 17 Jahre alt. Sie verletzt sich seit fünf Jahren selbst. «Vor einer Selbstverletzung habe ich das Gefühl, dass ich meinen Körper nicht spüre, nicht ‚da’ bin. Danach fühle ich mich irgendwie erleichtert, dann bin ich wieder ‚da’.» Diese Aussage kennt Graf Stähelin von ihren Patienten: «Es gibt drei häufige Situationen, die selbstverletzendes Verhalten direkt auslösen können. Die erste Situation ist eine Überschwemmung mit schwierigen Gefühlen, wie zum Beispiel Hass, Wut oder Versagensgefühlen. Es kann aber auch genau eine gegenteilige Situation sein: eine absolute Gefühlsleere, die als bedrohlich erlebt wird. Der dritte Zustand ist, wenn sich die Person selbst nicht mehr spürt und das Gefühl hat, nicht mehr in seinem Körper zu sein.» Die Ursachen von Selbstverletzendem Verhalten sind von Person zu Person unterschiedlich. Laut Graf Stähelin kann das Verhalten sehr viele verschiedene Auslöser haben: persönliche Zurückweisung, Konflikte, Vernachlässigung, körperliche und emotionale Gewalt etc.
Eiswürfel statt Rasierklinge
Selbstverletzendes Verhalten kann man in verschiedenen Formen therapieren. Graf Stähelin setzt auf das Gespräch: «Wir versuchen so die Ursachen zu finden. In einer Therapie geht es nicht darum, nur das selbstverletzende Verhalten zu behandeln, sondern den Jugendlichen allgemein zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Dabei geht es darum, die Ursachen des selbstverletzenden Verhalten zu verstehen und anzugehen. Wir erarbeiten gemeinsam Alternativen zur Selbstverletzung. Dies sind dann Methoden, die dem Körper – wie bei einer Selbstverletzung – einen starken Reiz zufügen, aber mit denen man keine Verletzungen davonträgt. Ein Beispiel kann sein, dass man – statt sich zu schneiden – einen Eiswürfel lange Zeit auf die Haut legt.»
Blut, Narben und das Versteckspiel schockieren Eltern, Lehrer, Freunde und Bekannte. Wie reagiert man, wenn man feststellt, dass sich eine Person aus seinem Umfeld selbst verletzt? «Das Wichtigste ist, dass die Person ernst genommen wird», so Graf Stähelin. Und: «Man sollte nicht bagatellisieren, aber auch nicht überreagieren.»
Die Spitze des Eisberges
Jeder Betroffene hat eine eigene Persönlichkeit, ein anderes Umfeld und mit anderen Problemen zu kämpfen. Daraus ergibt sich ein individuelles selbstverletzendes Verhalten. Es kann dazu dienen, Stress abzubauen, mit Problemen umzugehen, sich selbst zu spüren, zu merken, dass man «da» ist, sich zu bestrafen oder sich zu belohnen. Manche Selbstverletzer verspüren Todessehnsüchte, andere verletzen sich, um am Leben zu bleiben.
Schliesslich haben alle Selbstverletzer aber eines gemein: Ihre Narben, die Schnitte, das Blut, die Verletzungen, die sie sich mit eigener Hand zugefügt haben sind nur etwas – die von Aussen sichtbare Spitze eines riesigen Eisberges.
Hier gehts zum Interview mit Melanie* .



























