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Gratis ist teuer? – Teuer ist teuer!

Kommentar. Gratiszeitungen sind wertlose Papierbündel, bezahlte Zeitungen sind Gold wert. - Glauben Sie das? Der Ex-Kulturchef des Schweizer Fernsehen tut es jedenfalls.

«Gratis ist teuer», erklärt uns Alex Bänninger in der Kolumne «Leuchtspur» in der heutigen Ausgabe der Thurgauer Zeitung. Leuchtspur heisst die Spalte vermutlich, weil sie uns Unwissende sicheren Schrittes auf den Pfad der Erleuchtung führt. Gratiszeitungen, so Bänninger, seien zwar erfolgreich, bedeuten aber das Ende der Pressefreiheit und, weil das noch nicht reicht, gleich auch das Ende der Demokratie. Furchtbar, was sich da vor den Augen eines nichts ahnenden Publikums abspielt. Die Leserschaft von Erzeugnissen wie «20 Minuten» oder der kostenlosen Online-Zeitungen aus unserem Verlag muss mit der Gewissheit leben, dass sie mit ihrem Konsum unsere Gesellschaft in den Grundfesten erschüttert.

Wie kommt Alex Bänninger, ehemaliger Kulturchef des Schweizer Fernsehens, ehemaliger stellvertretender Direktor des Bundesamts für Kultur und ehemaliger Chef Sektion Film im Departement des Innern, zu seiner These? Ganz einfach. Leser von kostenlosen Medien sind anspruchslos und unkritisch. Entsprechend sind auch die Inhalte von Gratismedien anspruchslos und unkritisch. Jede Zeile in «20 Minuten», «.ch» oder thurgau24.ch ist mehr oder weniger von der Werbewirtschaft gesteuert. Und jeder Text hat nur ein Kriterium zu erfüllen: Er muss zwischen zwei Tramstationen gelesen werden können. Furchtbar, welch niveaulose Produkte sich da zum neuen Liebling der Konsumentinnen und Konsumenten geschwungen haben.

Bänningers Zorn ist verständlich. Er schreibt in der Regel für bezahlte und abonnierte Zeitungen. Diese machen zwar ihren Umsatz zu einem absolut überwiegenden Anteil ebenfalls mit Inseraten und nicht etwa durch den Verkauf der Zeitung. Aber solche Details spielen keine Rolle. Gratiszeitungen mangelt es an Qualität und Unabhängigkeit, basta. Bänningers Anschauungen sind von seinen ehemaligen Arbeitgebern geprägt. Der Bund muss keine Inserate verkaufen, um zu überleben, und die SRG schöpft Gebühren ab, ob uns ihr Programm passt oder nicht. Das tut zwar im Portemonnaie weh, aber wir bekommen viel Ehre zurück: Beim Kolumnisten wird der zahlende Bürger dafür als «solidarischer Finanzierungspartner» bezeichnet. Und aus dieser Partnerschaft verabsichiedet sich die 15-jährige Gymnasiastin, die am Morgen zur Pendlerzeitung greift.

Die Wahrheit ist: Die Gratismedien erweitern das Spektrum, jeder Leser, jede Leserin hat die Wahl, und auf Dauer wird sich die richtige Mischung aus Preis und Qualität durchsetzen – wie immer im freien Markt. Zu behaupten, neue Medien, ob kostenlos oder überteuert, würden die Pressefreiheit aushöhlen oder die Demokratie gefährden, ist einfach nur absurd. Heute lesen Altersgruppen Zeitung, die in der letzten Generation höchstens die «Bravo» konsumierten. Ja, Gratiszeitungen liefern vor allem Kurzstoff. Zu glauben, ein Text sei umso gehaltvoller, je länger er ist, kann aber nur einer sagen, der davon lebt, überlange Elaborate zu publizieren, die niemand liest, die sich aber furchtbar gut machen, wenn sie aufgeschlagen auf dem Salontisch liegen.

Bänninger und Co. sollten sich überlegen, wie sie die bezahlte Zeitung wieder attraktiver machen. Sie sollten sich Gedanken darüber machen, welchen Mehrwert eine Zeitung schaffen muss, für die man 2.50 Franken oder mehr auslegt. Sie sollten sich fragen, was Gratiszeitungen so erfolgreich macht und sich danach eine Strategie zurecht legen, mit der die Gruppen erreicht werden, denen das kostenlose Angebot nicht reicht. Denn die Wahrheit ist: «20 Minuten» und Co. machen schlicht und einfach einen hervorragenden Job und geben das Ergebnis erst noch gratis ab. Dass das bei den Konsumenten gut ankommt, kann nur der nicht verstehen, der noch nie wirklich den Gesetzmässigkeiten des Marktes ausgeliefert war.

ThurgauThurgau / 18.09.2008 - 12:18:00