Geplatzte Träume von der Karibik
Ferien in der Karibik, und erst noch kostenlos? Das habe ich gewonnen - laut einem Telefonanruf. Seither peinigen mich quälende Fragen.
Dienstag abend, ca. 20.45 Uhr. Das Telefon klingelt. Im Handy-Zeitalter ist das Klingeln des Festnetz-Anschlusses ohnehin schon ein Ereignis, und dann noch um diese unchristliche Zeit? Ich hebe den Hörer ab (ein verfehlter Ausdruck, die heutigen Telefone hebt man nicht mehr ab, man drückt einen Knopf), und nach einer kurzen Stille meldet sich eine Frauenstimme. «Congratulations! You have won holidays in the caribbean. Just press ‹9› to get all the informations!»
Bis zum Ende dieser – vollautomatischen – Ankündigung bleiben mir geschätzte fünf Sekunden, um zu überlegen, was zu tun ist. Karibik? Ferien in der Karibik? Ich habe gewonnen? Habe ich an einem Wettbewerb teilgenommen? Habe ich tatsächlich meine Telefonnummer irgendwo angegeben? Ist das ein Scherzanruf eines übermotivierten alten Schulfreundes? Oder geht es um eines dieser betrügerischen Telefonate, von denen man so oft liest und bei denen man abgezockt wird, wenn man das falsche tut? Wird meine nächste Telefonrechnung dem Bruttosozialprodukt von Island entsprechen? Fragen über Fragen. Und die Antwort brauche ich sofort, sonst droht die falsche Entscheidung. Ich hänge auf (Verzeihung, Unsinn, ich drücke natürlich einfach den Knopf für ‹Verbindung trennen›) und lege den Apparat weg.
Seither quälen mich Fragen. Die erste, natürlich: Vielleicht war ich zu misstrauisch? Vielleicht habe ich wirklich gewonnen? Ich war noch nie in der Karibik, und nach diesem verregneten Sommer würden einige Tage am Sandstrand sicher ganz gut tun. Aber nein, sage ich mir, richtig gehandelt, das kann nur eine Betrügermasche sein, bei der meine Telefonrechnung zu Gunsten einer dubiosen Firma belastet wird. Der Meinung ist auch meine Frau, die mich aber verunsichert mit der These, vielleicht hätte ich diesen Mechanismus mit dem Abbruch des Telefonats erst bestätigt. Möglich, ich bin kein Fachmann für Telekommunikation, aber was hätte ich tun sollen? Einfach weiter zuhören? Die Dame weiter sprechen lassen, bis der Morgen graut?
Nun gilt es, der Dinge zu harren, die da kommen werden. Es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht lese ich dieser Tage Medienberichte über eine Betrügerwelle via Telefon und fühle mich bestätigt, das Richtige getan zu haben. Vielleicht lese ich auch von einem grossen Karibik-Wettbewerb, der ohne Gewinner zu Ende gegangen sei, weil der glückliche Sieger, dieser Depp, das Telefon einfach auflegte, bevor er den Gewinn bestätigt hatte. Vielleicht erhalte ich eine Telefonrechnung, die nur in einem grossformatigen Couvert Platz hat, und bei der horrenden Summe steht mit einem Stern markiert die Fussnote «3671 Prozent Zuschlag aufgrund vorzeitigem Unterbrechens eines Anrufs einer Business-Linie». Oder so ähnlich. Ich bin auf alles gefasst. Und stelle einmal mehr fest, dass vor 20 Jahren alles einfacher war.



























