Gebäudeerneuerung in Theorie und Praxis
Weinfelden. Die «Gebäudeerneuerung» bildete den thematischen Schwerpunkt des Energieapéros der Abteilung Energie des Kantons Thurgau. Dem Publikumsaufmarsch nach zu schliessen trifft das Thema den Puls der Zeit.
Rund 120 Personen hatten sich am Dienstag, 8. April 2008, im Rathaussaal in Weinfelden zur Informations- und Weiterbildungsveranstaltung eingefunden.
Das Energiesparpotenzial im Gebäudebereich ist riesig: In Wohnbauten, die vor 1975 erbaut worden sind, lassen sich mit einer energetischen Gebäudeerneuerung die Wärmekosten beispielsweise bis um die Hälfte reduzieren. Der Thurgau hat mit seiner neuen Förderstrategie den Grundstein gelegt, dass Hauseigentümer dieses Potenzial auch nutzen. Im Förderprogramm 2008 stehen mit 5,15 Mio. Franken kantonalen Geldern sowie erwarteten 2,5 Mio. Franken an Bundesbeiträgen rund 7,65 Mio. Franken zur Verfügung. Wie Regierungsrat Kaspar Schläpfer, Chef des Departements für Inneres und Volkswirtschaft, am Energieapéro ausführte, setzt der Kanton ? neben dem Ausbau erfolgreicher Förderbereiche ? einen neuen Schwerpunkt bei der Gebäudehüllensanierung. Er richtet Beiträge aus an vorbildliche Gesamtsanierungen und die Dämmung von Einzelbauteilen wie Fenster, Wand, Dach und Boden. Ebenso unterstützt er Energiediagnosen, die den energetischen Zustand des Gebäudes erfassen und damit den ersten Schritt einer optimalen Sanierung bilden. Die erste Zwischenbilanz bei den zugesicherten Förderbeiträgen zeigt, dass die Hauseigentümer die Chance erkennen. Bereits sind rund eine halbe Million Franken an Sanierungsmassnahmen gesprochen, auch der Baustandard Minergie verzeichnet eine erheblich grössere Nachfrage nach Fördergeldern. Abschliessend wies Regierungsrat Schläpfer darauf hin, dass der Kanton die Solarstromförderung für Selbstversorger im Verlaufe des Jahres wieder aufnehmen will. Sie ist aufgrund der enormen Nachfrage seit dem 1. März 2008 sistiert. Ferner ist in Zukunft ein Förderfonds mit Bestand zwischen 7 und 10 Mio. Franken geplant. Der Fonds hat zur Folge, dass die Fördergelder nicht jedes Jahr durch das Kantonsparlament bewilligt werden müssen.
Aktionspläne Energieeffizienz und erneuerbare Energien
Michael Kaufmann, Leiter des Programms EnergieSchweiz, bot in seinem Referat einen Überblick über die energiepolitische Situation. Zu den Instrumenten zur Umsetzung der Energiepolitik gehören die CO2-Abgabe auf Brennstoffen, die bis 2010 auf 36 Franken pro Tonnen CO2 gesteigert werden soll, sowie der Klimarappen, die Befreiung von Biotreibstoffen von der Mineralölsteuer und die Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien. Dabei wird für jede Technologiekategorie ? gestützt auf Referenzanlagen ? ein kostendeckender Einspeisepreis pro Kilowattstunde für eine bestimmte Periode festgelegt und dem Produzenten vergütet. Ab dem 1. Mai 2008 besteht die Möglichkeit, Anlagen bei www.swissgrid.ch anzumelden. Die Vergütung beginnt für die Produktion ab 1. Januar 2009.
Kaufmanns Ausführungen nach belegen die detaillierten Energieperspektiven (2035) des Bundesamtes für Energie, dass nur mit einem Maximum an Energieeffizienz und Zubau erneuerbarer Energie die Versorgungssicherheit zu gewährleisten ist. Deshalb hat der Bundesrat die Aktionspläne «Energieeffizienz» und «Erneuerbare Energien» erarbeiten lassen. 15 Massnahmen bei der Effizienz und sieben Massnahmen bei den erneuerbaren Energien sollen dazu beitragen, die neu definierten Ziele bis 2020 zu erreichen: Den Verbrauch fossiler Energien um 20 Prozent zu senken, den Anteil an erneuerbarer Energie um 50 Prozent zu steigern und die Zunahme des Stromverbrauchs auf maximal 5 Prozent gegenüber 2010 zu halten. Als wichtige Massnahmen sind Mindestanforderungen an Elektrogeräte bezüglich Energieverbrauch, ein nationales Gebäudesanierungsprogramm mit den Kantonen, die Einführung des Bonus-Malus-Systems auf der Importsteuer für Personenwagen oder die Einspeisevergütung für Abwärme und Wärme aus erneuerbaren Energien in Nah- und Fernwärmesystemen zu erwähnen (siehe auch www.energieagenda.ch ? Download). Dass die Umsetzung der Massnahmen nicht nur zur Versorgungssicherheit beiträgt, sondern auch wirtschaftliches Wachstum bedeuten kann, zeigte Kaufmann am Beispiel von Deutschland. Dort bieten die erneuerbaren Energien mit 150 000 Stellen bereits mehr Beschäftigung als die konventionellen Energieproduktionen mit 107 000 Arbeitsplätzen.
Die konkrete Sanierung
Ein konkretes Beispiel einer Gebäudesanierung präsentierte der Ingenieur Peter Forrer. Er plante und begleitete die erste Minergie-P-Sanierung in einem Gewerbebau im Kanton Thurgau, den Produktions- und Dienstleistungsbetrieb Brüggli in Romanshorn. Unter dem Namen «Brüggli» besteht ein gemeinnütziger Verein, der die Integration und Rehabilitation von Menschen anstrebt, die dauernd oder vorübergehend berufliche oder gesundheitliche Schwierigkeiten haben. Dazu betreibt der Verein in seinem Gewerbehaus Produktions- und Dienstleistungsunternehmen und bietet Arbeits- sowie Ausbildungsplätze an. Es werden gesamthaft rund 470 Personen beschäftigt.
Im April 2007 erfolgte gemäss Peter Forrer der Start der Sanierung und teilweisen Erweiterung des Gewerbehauses, und im Dezember 2007 die Zertifizierung nach Minergie-P-Standard. Forrer setzt in seiner Tätigkeit auf die integrale Planung und berücksichtigt bereits in der Projektstudie die verschiedenen Aspekte des Bauwerks wie Kosten, Ökologie, Schallschutz, Energie, Gestaltung oder Beleuchtung. Das Projekt «Brüggli» zeichnet sich durch die Wärme- beziehungsweise Kälteerzeugung und -verteilung aus. Im Gewerbehaus finden auf einer Fläche von rund 16 000 Quadratmeter die verschiedensten Betriebe Platz wie mechanische Werkstätten, eine Druckerei, ein Fotostudio, ein Restaurant mit Konferenzräumen, eine Informatikabteilung, die Verwaltung usw. Je nach Nutzung ist der Wärme- und Kühlungsbedarf sehr unterschiedlich. Das Gebäude gliedert sich deshalb in verschiedene Nutzungszonen, deren Heizung und Lüftung sich individuell programmieren lassen. Das Herzstück bildet die zentrale Wärme- und Kälteaufbereitung mittels Wärmepumpe und einem Erdwärmesondenfeld. Über diese Anlage wird die anfallende Prozessabwärme in je einem Wärme- und Kältespeicher aufbereitet. Die überschüssige Wärme wird im Erdreich gespeichert und bei Bedarf zurückgeholt.
Abschliessend stellten zwei Firmen ihre Dämmmaterialien vor: die ökologischen, atmungsaktiven Dämmplatten aus Schafwolle der Bischofszeller Firma Fiwo sowie das diffusionsdurchlässige aber wasserdichte High-Tech-Material Aspen Aerogels mit 0.013W/mK Wärmeleitwert.
Die Referate sowie kommende Weiterbildungsangebote der Abteilung Energie sind auf der Internetseite www.energieagenda.ch abrufbar.



























