«Es ist nie zu spät, Vorurteile abzulegen»
TG. Dieser Gedanke bringt die Grundhaltung von Henry David Thoreau, der im Amerika des 19. Jahrhunderts lebte, auf den Punkt.
Damit wird deutlich, was «Aufklärung» für Thoreau bedeutete: Wer gelernt hat, eigenständig zu denken und unvoreingenommen an Fragen heranzugehen, wird sich nicht auf Vorurteile einlassen oder sie ablegen.
Der heutige nationale Flüchtlingstag will uns daran erinnern, wie es mit diesen Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen stehen kann. «Alles Lügner, Dealer und Profiteure!» Die Frage drängt sich auf: Alles? An der Stelle von nachprüfbaren Tatsachen und persönlichen Erfahrungen finden sich leider noch immer zu oft Behauptungen; und zu häufig Vorurteile. Der Flüchtlingstag will uns an Menschen auf der Flucht erinnern, deren Schicksal es ist, sich fern ihrer eigenen Heimat aufzuhalten. Einen Teil hat die häufig lange und mühsame Reise auch zu uns geführt. Wir haben es mit verschiedensten Staatsangehörigen und ebenso unterschiedlichsten Lebensmustern zu tun. Allen diesen Menschen gemeinsam ist die Hoffnung auf Schutz und eine bessere Zukunft. Trotz der täglichen Flut an Nachrichten soll uns dies bewusst bleiben. Auch dafür steht der nationale Flüchtlingstag.
Was setzen wir den Gründen (Gewalt, Machtmissbrauch, Krieg, Terror und damit Be-drohung an Leib und Leben), welche für die Flucht dieser Menschen verantwortlich sind, entgegen? Was tun wir, damit wir sie schützen können? Die Kernpunkte der Schweizer Asylpolitik lauten zusammengefasst so: Wer in seinem Heimatstaat nach völkerrechtlich anerkannten Kriterien bedroht oder verfolgt wird, erhält in der Schweiz Asyl. Für notleidende Menschen leistet die Schweiz in Kriegs- oder Katastrophengebieten rasch Hilfe und beteiligt sich an internationalen Gemeinschaftsaktionen. Wenn solche Hilfe in der betroffenen Region wegen unmittelbarer Gefährdung nicht möglich ist, nimmt die Schweiz betroffene Menschen vorübergehend innerhalb der eigenen Grenzen auf. Daneben bemüht sich die Schweiz, in internationaler Zusammenarbeit die Ursachen von Flucht und unfreiwilliger Migration einzudämmen. Richtschnur der Schweizer Asylpolitik sind die Grundsätze der Genfer Flüchtlingskonvention. Diese betroffenen Menschen wollen wir schützen. Anders zeigt sich die Lage dagegen bei den vielen übrigen Flüchtlingen, welche ebenfalls um Asyl nachsuchen, bei denen aber der Hauptgrund für die Einreise lediglich in einem wirtschaftlichen Motiv und damit der Erwerbs-arbeit liegt. Gleiches gilt für jene abgewiesenen Asylsuchenden, die ihrer rechtskräftigen Ausreisepflicht nicht nachkommen, in unserem Land verbleiben und auf dem Schwarzarbeitsmarkt ein Auskommen finden wollen. Es kann nicht sein, diesen Menschen Anreize für mögliche illegale Einwanderungen zu bieten.
Bleiben wir uns bewusst: Wir öffnen unsere Grenzen nicht unbeschränkt und vorbehaltlos. Es ist unser deutliches Bestreben, allein denjenigen Menschen beizustehen, die unsere Hilfe und unseren Schutz tatsächlich nötig haben. Zu diesem sorgfältigen Beurteilen und Abwägen gehört ferner, dass jene Menschen, in deren Heimatstaat die Be-drohungslage sich deutlich entschärft hat und somit eine Rückkehr wieder zumutbar ist, zur Rückreise angehalten werden.
Mit dieser klaren Haltung der gewissenhaften und unvoreingenommenen Beurteilung verschaffen wir dem Motto des heutigen nationalen Flüchtlingstags Glaubwürdigkeit. Wir stützen uns auf nachprüfbare Fakten, nicht auf vage Behauptungen. Es ist nie zu spät, Vorurteile abzulegen.
20. Juni 2009: Schweizerischer Flüchtlingstag



























