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Die Sache mit Manfred – eine Weihnachtsgeschichte

Lassen Sie mich die Sache mit Manfred erklären: Es war Heiligabend und Manfreds Klingeln riss mich am frühen Nachmittag aus meiner weihnachtlichen Routine. Mit rotgefrorener Nase und einem entschuldigenden Grinsen stand er vor der Tür.

Ich hatte ihn seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gesehen und, abgesehen von ein paar Telefonaten, auch nicht viel von ihm gehört. Das letzte Mal traf ich ihn, als ich mit Paulina schwanger war – kurz vor der Niederkunft. Manfred hatte geklingelt, genau wie heute. Ich öffnete die Tür und sah, wie Manfred blass wurde. Er hatte sich monatelang nicht mehr blicken lassen, nachdem er Janka kennen gelernt hatte. Und er konnte sein Erschrecken angesichts der 20 Kilogramm, die ich während der Schwangerschaft zugelegt hatte, nicht einmal andeutungsweise verbergen.
Jetzt sass er in meinem Wohnzimmer, wärmte sich die steifen Hände an der Tasse Tee, die ich ihm gemacht hatte, und ass das vom Mittagessen übrig gebliebene Kotelett. Seine langen Beine fanden kaum Platz unter dem kleinen Glastisch und wenn er sie ausstreckte, berührten seine Füsse meine. Manfreds Schuhe waren braun. Das Leder war abgeschabt und an manchen Stellen schon etwas brüchig. Längst hatten diese Schuhe, die für die Jahreszeit viel zu dünn waren, die Form von Manfreds Füssen angenommen. Fussballerfüsse, sichelförmig nach innen gebogen. Dabei hatte Manfred nie in seinem Leben Fussball gespielt. Jedenfalls so weit ich wusste.

Beim Italiener
Bedächtig stellte Manfred die Tasse auf den Tisch. «Du bist dünn geworden», sagte er. Und dann, ganz unvermittelt, gerade so, als hätte er meine Gedanken gelesen: «Erinnerst du dich an meinen Besuch kurz vor Paulinas Geburt? Wir gingen zum Italiener und du hast so gut wie nichts gegessen.» – «Ja», sagte ich, «ich erinnere mich. Du bist fast in Ohnmacht gefallen, als du gesehen hast, wie dick ich war.» – «Nun ja», meinte Manfred und liess den Satz unbeendet in Raum stehen.

Ein Glas Champagner
«Was ist los, Manfred. Irgendwas stimmt doch nicht mit dir», sagte ich, nachdem er eine ganze Weile geschwiegen hatte. «Du tauchst doch nicht so mir nichts, dir nichts nach 15 Jahren hier auf, um mit mir über unser letztes gemeinsames Abendessen zu sprechen – noch dazu am Heiligen Abend.»
Manfred zögerte. Dann begann er stockend von Janka zu erzählen. Von der Kanzlei, in die sie nach ihrem Jurastudium eingetreten war, von den Prozessen, die sie ausnahmslos gewann, von den Arbeitsessen, die sie mehr und mehr von zuhause fern hielten, und von dem Kollegen, mit dem sie eines Tages eine eigene Kanzlei eröffnete. Ich kannte Janka und konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie im eleganten Nadelstreifen-Kostüm, das Notebook auf den Knien, im Flugzeug in der Business-Class sass, nonchalant ein Glas Champagner bestellte und ihren nächsten Fall vorbereitete.
Manfred besass, als ich ihn kennen lernte, zwar eine Original-Maurer-Zunfthose, die sein ganzer Stolz war, aber mit Sicherheit keinen einzigen Anzug, und schon gar keinen mit Nadelstreifen. Geschäftliche Termine, zu denen ihn sein Job als Zweigstellenleiter einer Tiefbaufirma zwang, absolvierte er grundsätzlich in Jeans und Pullover. Wie er und Janka es geschafft hatten, ein Paar zu werden, war mir bis heute vollkommen unerklärlich.

Schwarze Maurerhosen
Die Hochzeit mit Janka hätte beinahe nicht stattgefunden, weil Manfred darauf bestanden hatte, auf dem Standesamt seine Maurer-Hose aus schwarzem Breitcordsamt inklusive ebensolcher Weste zu tragen. Auf dem dazugehörenden Hut hatte er vorsichtshalber nicht bestanden.
«Janka ist weg, nicht wahr», sagte ich in das Schweigen hinein, das Manfred – den Kopf gedankenverloren in die Hände gestützt – nun schon mehrere Minuten andauern liess. Manfred hatte bereits als junger Mann schütteres Haar gehabt. Jetzt bedeckte nur noch ein schmaler, millimeterkurz geschnittener Streifen aschblonder Haare seinen Hinterkopf. «Ja», sagte Manfred, «sie ist ausgezogen. Vor einem Jahr.» Das war also der Grund für die abgetragenen und viel zu dünnen Schuhe. Janka war nicht übermässig fürsorglich. Aber so wie ich sie kannte, hatte sie mit Sicherheit sorgfältig darauf geachtet, dass Manfred keine Pullover mit Löchern trug, niemals grün und blau kombinierte und sich mindestens einmal im Jahr neue Schuhe kaufte. Von sich aus kam Manfred einfach nicht auf die Idee, dass seine Schuhe abgetragen sein könnten. Und der Gedanke, zwischen Sommer- und Winterschuhen zu unterscheiden, wäre ihm ohne Janka niemals in den Sinn gekommen.

Blau und Gold
«Und du?», fragte Manfred, als erwache er gerade aus einem langen, sonderbaren Traum, «ist die Scheidung inzwischen durch?» – «Ja», sagte ich, «seit Mai.» Manfred nahm vorsichtig eine der Walnüsse in die Hand, die ich zum Schmücken meiner Douglasie auf dem Tisch bereitgelegt hatte. Manfred und ich hatten die Nüsse vor vielen Jahren zusammen vergoldet. Unser erster gemeinsamer Weihnachtsbaum sollte damals ganz in Blau und Gold geschmückt werden. «Du hast sie aufgehoben», sagte er, ohne mich dabei anzusehen. «Ich konnte mich nicht davon trennen», antwortete ich. «Die blauen Kugeln habe ich allerdings nie benützt. Ich habe sie nach deinem plötzlichen Verschwinden weggeworfen. Und die blauen Kerzen auch.» Und dann zeigte ich ihm die dunkelroten Christbaumkerzen, die ich dieses Jahr benutzen wollte. «Ah», sagte Manfred, «immer noch keine elektrischen Kerzen. Und keine blauen.» – «Nein», sagte ich, «keine blauen.» Ich stand auf und begann, die Engel, die ich über die Jahre gesammelt hatte, Kugeln in verschiedenen Orange- und Rottönen und die vergoldeten Nüsse aufzuhängen. «Die Kinder kommen um sechs. Hilfst du mir, den Baum zu schmücken?»

Für deine Sammlung
Das ist jetzt sieben Jahre her. Mittlerweile besorgt Manfred die dunkelroten Kerzen für den Baum. Meistens bringt er einen oder zwei kleine Engel mit und legt sie mit den Worten «Für deine Sammlung» zu den anderen. An Heiligabend steht Manfred in meinem Wohnzimmer und hängt vergoldete Nüsse an die Douglasie.
Er trägt nach wie vor Schuhe, die viel zu dünn sind für die Jahreszeit. Aber ihr Leder ist geschmeidig und es ist an keiner Stelle abgeschabt. Manfreds braune Schuhe, die sich sichelförmig nach innen biegen, stehen in der Abstellkammer. Ich habe sie aufgehoben – als Erinnerung an unser erstes gemeinsames Weihnachten.

ThurgauThurgau / 26.12.2009 - 17:09:29