Der Sammler steht diskret im Hintergrund
Appenzell/AI. «Konkrete Idole – Nonfigurative Kunst und afrikanische Skulpturen» im Museum Liner
Heute Samstag mit Beginn um 17 Uhr wird im Museum Liner die Sonderausstellung «Konkrete Idole» eröffnet. Das sei ein poetischer Titel für seine Sachen, lobt der versierte Sammler aus Süddeutschland, der seinen Namen nicht genannt haben möchte und der nur ungern im Bild erscheint. Falsche Bescheidenheit? (Rolf Rechsteiner)
Nein, sagt der Sammler. Er habe die Werke ganz einfach nicht geschaffen, sondern nur das zusammen getragen, was andere für sich und die Um- und Nachwelt «gefunden» haben. Er sei schon als Kind mit Kunst in Kontakt gekommen und habe die simple Erkenntnis gewonnen: «Kunst gibt es, und man kann sie kaufen! Nicht alles ist erschwinglich, aber Vieles ist interessant.»
Er selber, Grafiker von Beruf und erfolgreich als «Macher» und Gestalter von Bildbänden auch über Kunst und für Museen, hat eine Schwäche für das Einfache, das auf eine wenig greifbare Aussage Reduzierte. Ein diskreter Fleck auf einer scheinbar monochromen Farbfläche, ein Kniff in einem gerahmten Papier, eine bewusste Faltung, die Collage, das Relief – alles hat seine Berechtigung. Und Skulpturen sind interessant, auch und vor allem, wenn die Aussage nicht einfach ins Auge springt, sondern Assoziationen wecken darf. Figürliche Stelen mit dem Titel «Der geteilte Zeuge», die scheinbar eine Fortschreibung der afrikanischen Skulpturen sind, erweisen sich als neuzeitlich und geschaffen aus schwarzem Kautschuk, der für Autopneus gedacht wäre.
Der Gegenpol
Mit der Gegenüberstellung nonfigurativer Objekte (totale Abstraktion) und afrikanischer Schnitzereien des selben Sammlers verfolgt Kurator Roland Scotti ein wohl durchdachtes Ziel: «Im Grunde sind uns beide Sparten völlig fremd, denn ihre Aussage erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Jedes Stück ist in seiner Machart erkennbar; es zeugt von Hand-Werk. Aber erst der Betrachter füllt es mit Sinn, sofern er bereit ist, sich ausreichend Gedanken zu machen.»
Tatsächlich springen die Ahnen- und Wächterfiguren – entstanden meist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Objekte einer fremden Kultur sofort ins Auge. Es sind geschnitzte Gebrauchsfiguren, teils hilflos anmutende Versuche, den menschlichen Körper darzustellen, aber auch bewusste Verfremdungen zum Androgynen und Zwitterwesen bis hin zur Chimäre – Fabelwesen, die seltsam anmuten, wenn man ihren kulturellen Hintergrund nicht kennt.
Der Sammler hat sie mit der selben fast kindlichen Neugier gehortet wie die nicht gegenständlichen Kunstobjekte. Dabei liess er sich nur von seinem ästhetischen Empfinden leiten. «Die erste Figur hat mein Vater als Souvenir von einer Afrikareise mitgebracht», verrät er. Daran habe er Faszination und die Lust auf mehr entwickelt. Längst ist neben das «Kind im Manne» die strukturierte Sammeltätigkeit in beiden Bereichen getreten. Die Objekte sind katalogisiert, und das Auge schult sich für Lücken, die es zu schliessen gilt.
Aus reiner Freude
Die Frage, ob er sich für die Kunst ruiniere, beantwortet er mit herzhaftem Lachen. Das ganz gewiss nicht, sagt er, aber Ferien habe er sich in den vergangenen zwanzig Jahren nicht geleistet. Er setze seine finanziellen Mittel sehr gezielt ein und prüfe bei Neuanschaffungen, wo Prioritäten zu setzen sind. Obwohl sich die Sammlung sehr umfassend und facettenreich präsentiert, ist sie nicht spekulativ ausgerichtet. Einzig die Freude am Schönen und die Möglichkeit, auch angehende Künstler in ihrer Arbeit zu fördern, stecken hinter dem akribischen Tun.
So wandelt man staunend durch die lichtdurchfluteten Kabinette des Museum Liner, begegnet dabei grossen Namen der Szene wie Richard Serra, Alan Reynolds, Aurelie Nemours, Peter Tollens, Werner Haypeter oder Russell Maltz. Als einzige Schweizerin ist Silvia Bächli vertreten, der Sammler setzt seine persönlichen Vorlieben dezent in Szene, Arbeiten von Künstlern, deren Namen erst hinter dem Horizont schillern.
Das Zarte steht neben dem schreiend Lauten, etwa dem Kunstappell von Felix Droese mit dem Titel «Anti-Terror-Einheit 1 – Auf dem Weg zu einem Begräbnis der Kunst». Vor einer soeben im Auftrag geschaffenen «Madonna» von Hubert Kiecol reibt sich der Betrachter wohl die Augen – die Reduktion auf das Wesentliche ist jenseits religiöser Betrachtung ganz einfach mustergültig.
Doppelvernissage: «Carl Walter Liner – die Farbe Schwarz» und «Konkrete Idole – Nonfigurative Kunst und afrikanische Skulpturen»: Museum Liner, Samstag, 14. November, 17 Uhr; Apéro in der Kunsthalle Ziegelhütte, 17.45 Uhr.
Kurator Roland Scotti (links) diskutiert mit dem Sammler über die Positionierung der Exponate. (Bild: Rolf Rechsteiner)



























