«Der Notendruck kann ein Kind kaputt machen»

Reute/AR. Yvette Anhorn, Mutter von zwei Schülerinnen, äussert sich in einem Leserbrief zur Wiedereinführung der Schulnoten ab der vierten Klasse.

Der Leserbrief im Wortlaut:

Wenn doch nur das Leben einfach wäre – wie früher, als im Zeugnis nur Noten standen eben! Oder? Weit daneben liegen alle, die denken, ein Zahlennoten-Zeugnis sei besser, weil objektiv und einfacher zu interpretieren. Tatsache ist – es gibt keine objektive Notengebung. Bei Bedarf, das heisst wenn zu viele Lernende ungenügend abschneiden, wird einfach die Berechnung des Klassen-Schnitts so verändert, dass mehr von ihnen eine genügende Note erreichen.

Bei der heutigen Beurteilungsmethode, die den Fortschritt jedes Individuums betrachtet und nicht alle über denselben Leisten schlägt, ist die Chance auf eine faire Förderung jedoch intakt. Zudem steht auch heute im Zeugnis ein «gut erreicht» oder ein «ungenügend», aber basierend auf einer Beurteilung, die die Leistung des Einzelnen unter die Lupe nimmt und nicht einen ungerechten Vergleich mit der ganzen Klasse.

Dummheit ist lernbar – so hiess der Titel eines Buches von Lehrer Jürg Jegge, das in den 70er Jahren für Aufsehen sorgte. Es zielte darauf ab, dass tatsächlich viele Lernende in der Schule derart negative Erfahrungen machten mit Lehrpersonen, Leistungsdruck, Vorurteilen etc., dass sie als «Sonderschüler» eingestuft wurden, obwohl es ihnen nicht an Intelligenz mangelte! Aber ständige Misserfolge blockieren das Hirn, Versagensmuster brennen sich ein und nur Wenige lassen sich davon nicht beeindrucken.

Mittlerweile hat sich vieles geändert, zum Guten für die Kinder. Und Ausserrhoden hat eine Vorreiterrolle übernommen in Bezug auf förderorientiertes Beurteilen in den ersten Schuljahren. Die Kinder lernen auf diesem Weg, ihre eigene Leistungsfähigkeit einzuschätzen, Stärken und Schwächen zu orten, selbstbestimmt an ihren Leistungen zu arbeiten. Die Vergleiche mit den Leistungen anderer findet auch statt, steht aber nicht im Zentrum. Das kommt dann auf der Oberstufe, wo andere Ziele im Vordergrund stehen.

Es ist doch sinnvoll, in den ersten sechs Schuljahren darauf hinzuarbeiten, dass die Lernenden ein gutes Gefühl für sich selbst bekommen, um dann in den folgenden Jahren für die Vergleiche mit den «Konkurrenten» gewappnet zu sein.

Aus eigener Erfahrung als Schülerin und als Mutter zweier Schülerinnen weiss ich, was in vergleichenden Klassenverbänden allein durch den Notendruck ausgelöst wird. Und das wünsche ich keinem Kind, diese Erfahrung der Erniedrigung, des vergeblichen Strebens nach Anerkennung, der permanenten Entwertung. Darum lege ich ein überzeugtes NEIN in die Urne – unsere Kinder sollen mit grösstmöglichem Selbstwertgefühl in diese Welt hineinwachsen, die oft genug die Ellenbögler und Egozentriker belohnt, während die sozial Begabten abseits stehen und sich bescheiden müssen mit wenig Ansehen und schlechter monetärer Abgeltung für ihre Dienste.

Leistung heisst nicht, immer gewinnen zu wollen, sondern das Beste aus den eigenen Talenten zu machen! Leistung findet auch nicht im Scheinwerferlicht statt. Leistung muss für ein Genesen unserer Welt völlig neu definiert werden. Ein Festhalten an überholten und ungesunden Leistungsvorstellungen kann nur Rückschritt bedeuten. Unser Land aber braucht dringend neue Werte abseits der grenzenlosen Leistungs-, Gewinn- und Spassgesellschaft, die gerade jetzt glorios scheitert. Auch darum – ein überzeugtes NEIN zur Noteninitiative.

Appenzell Ausserrhoden / 06.05.2009 - 12:45:54
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