Das Leben bewusst gestalten
«Ich lebe, so wie ich bin. Ich bin, so wie ich lebe» lautete das Motto am 15. Tag der Bäuerin an der Olma.
Die Nationalratspräsidentin, die Präsidentin des Aargauischen Landfrauenverbandes, eine Unternehmerin und eine Spitzensportlerin erzählten von ihren Erfahrungen auf dem beruflichen und privaten Lebensweg.
Was braucht es, um so leben zu können, wie es einem entspricht? Dieser Frage widmeten sich an der Olma rund 500 Bäuerinnen und eine kleinere Anzahl Bauern. In der bis auf den allerletzten Platz gefüllten Halle 9.2 begrüsste Brigitte Frick vom Organisationsteam die amtierende Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi, Unternehmerin Katharina Lehmann, Spitzensportlerin Priska Doppmann und Regula Siegrist, Präsidentin des Aargauischen Landfrauenverbandes.
Die vier starken Frauen berichteten in Referaten, wie sie ihr Selbstbewusstsein stärken und wie sie andererseits mit Schwächen umgehen.
Mit Fragen Wissen erwerben
Eine Nationalratspräsidentin wache wohl allmorgendlich mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen auf und schreite mit erhobenem Haupt in den Tag, richtete Radio- und TV-Moderator Dani Fohrler das Wort an Christine Egerszegi.
Da müsse sie ihn enttäuschen, scherzte die FDP-Politikerin. Als ausgesprochener Morgenmuffel stehe sie zwar um sechs Uhr auf, erwache aber erst um sieben. Frühmorgendliche Sitzungen, die sie leiten müsse, seien ihr eher unangenehm.
In ihrem politischen Werdegang habe sie sich oft an den Ratschlag ihres Vaters erinnert. «Trittst du eine neue Aufgabe an, nimm eine leere Mappe mit und stelle viele Fragen. So füllt sich die Mappe von alleine», habe er gelautet. Dieser Ratschlag verhelfe in kurzer Zeit zu viel Wissen und bewahre davor, allzu voreingenommen an eine Sache heranzugehen.
«Damit ein Anliegen Gehör findet, muss man kämpfen», betonte Christine Egerszegi in ihrem Referat weiter. Dabei sei für sie die Erkenntnis wichtig gewesen, dass sie nie gegen einen Menschen, sondern immer für die Sache kämpfe. Wer sich kämpferisch einsetze, könne nicht immer gewinnen, sondern verliere auch. «Beides ist lernbar, das Kämpfen und das Verlieren.»
Bedürfnisse ernst nehmen
Sie habe zunächst Lehrerin werden wollen, sich dann aber für den Beruf der Bäuerin entschieden, erzählte Regula Siegrist. «Obwohl ich bereits mit 20 Jahren schwanger geworden bin und früh mit meinem Mann einen bäuerlichen Betrieb übernommen habe, konnte ich meine Ziele immer verwirklichen.»
Dabei habe sie auf die Unterstützung ihrer ganzen Familie zählen können. Das Amt der Präsidentin der Aargauischen Landfrauen habe sie beispielsweise nur übernehmen können, weil ihre Schwiegermutter sie in ihrer Abwesenheit vertreten habe. Ihr Ehemann und Ihre Familie seien Stütze und Kritiker zugleich.
Regula Siegrist sprach auch den Umgang mit schwierigen Situationen an. «Was mir gar nicht behagt ist, wenn ich merke, dass ich nicht lebe, sondern gelebt werde.» Eine solche Situation sei entstanden, als sie in den Grossen Rat gewählt worden sei. «Ich habe mich in dieser Welt der Konfrontation einfach nicht wohl gefühlt.»
Manchmal werde aber auch einfach nur der Berg der Arbeit zu hoch. Dann erinnere sie sich an einen wertvollen Spruch: «Nur langweilige Frauen haben immer aufgeräumte Wohnungen.» Auf jeden Fall aber sei ratsam, nach Veränderungen zu suchen, wenn die Situation zu sehr belaste.
In Männerdomäne behauptet
Die Gossauer Unternehmerin Katharina Lehmann musste bereits mit 24 Jahren grosse Verantwortung tragen. Nach einem Schlaganfall ihres Vaters übernahm sie die Leitung des elterlichen Holzverarbeitungsbetriebes.
Meilensteine und Rückschlage hätten sie in den letzten elf Jahren begleitet. «Learning by doing» habe das Stichwort in der ersten Phase gelautet. Für etwas anderes sei neben der Betriebsübernahme und dem Abschluss ihres Studiums keine Zeit geblieben.
Das Arbeiten an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sei für sie keine abgeschlossene Sache, betonte Katharina Lehmann. Daran baue man wohl ein Leben lang. Die eigene Identität zu leben, bedeute zudem auch, zu den Schwächen zu stehen.
Frauen verfügten über viele wertvolle Eigenschaften wie Kreativität und ganzheitliches Denken. Sie habe aber auch von den Männern gelernt. «Männer sind viel entscheidungsfreudiger.» Mut zu zeigen heisse für sie, ohne viele hinderliche Wenn und Abers «zu machen» und «zu tun».
Dem Sport verfallen
Die vierte Referentin fand als Quereinsteigerin mit 27 Jahren zum Spitzensport. Durch ihren Lebenspartner wurde sie zum Radsport motiviert, reüssierte zur Schweizer Meisterin und nahm an den Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 2000 in Sydney teil.
«Der Sport hat mir viele glückliche und spezielle Momente beschert, wie zum Beispiel das Trainingslager mit meinen Teamkolleginnen oder zuoberst auf dem Podest zu stehen.»
Eines Tages habe ihr Körper mit Erschöpfung auf die ehrgeizigen Ziele reagiert. «Ich konnte keine Rennen mehr bestreiten. Das hat mich fast fertig gemacht. Meine Selbstsicherheit, mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein definierte ich damals nur über meinen persönlichen sportlichen Erfolg.»
Durch die Unterstützung ihrer Familie und ihres Umfeldes habe sie die Krise überwunden und sei frisch gestärkt Schweizer Berg-Meisterin geworden. Aus dieser Erfahrung habe sie aber gelernt, auch das Leben neben dem Sport intensiver zu leben.
Erfahrungen austauschen
In der anschliessenden Diskussionsrunde erzählten Bäuerinnen aus dem Publikum von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema. Eine Votantin rief dazu auf, nicht nur an das eigene Selbstbewusstsein zu denken, sondern auch durch Lob und Anerkennung das Selbstwertgefühl der anderen zu stärken.



























