Das Geheimnis des Alpenbitters bleibt geheim
Appenzell/AI. Gegen Bauchschmerzen, zum Entspannen oder als Mixgetränk - der Alpenbitter hat viele Facetten und wird seit 1902 immer wieder aufs Neue, mit gleich bleibendem Rezept und gleich bleibender Erscheinung, konsumiert.
Es ist hektisch in der Stadt, alles geht auf Zeit. Mit urbaner Gesinnung geht`s von St. Gallen in Richtung Appenzell zur Alpenbitter-Fabrik auf den Weg. Während der Fahrt mit dem Appenzeller Bähnli weicht Hektik und Stress dem Staunen über die Landschaft. Bei einem eingefleischten Stadtmenschen verflüchtigt sich das anfängliche Staunen jedoch nach einiger Zeit und wird durch Langeweile und die Frage «wie weit kann denn das noch sein?» ersetzt.
Die Landschaft antwortet selbst auf diese Frage. Kurz nach der Appenzellerbahn-Haltestelle Hirschberg öffnet sich die Sicht auf das am Fusse eines Alpenmassivs liegende Dorf Appenzell.
Dort angekommen, wird, dank den vielen Wegweisern ziemlich schnell klar, dass das Dorf auf Besucher eingestellt ist. Die Produktionsstätte des berühmten Appenzeller Alpenbitters findet man aber hauptsächlich aufgrund der ausströmenden Würze des gelben Enzians, eine wichtige Geschmackskomponente des Bitters.
Das Geheimnis des Alpenbitters
Die Chance, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, bietet eine Führung durch die Alpenbitter-Fabrik.
Zuerst wird ein Film gezeigt, welcher für das Alpenbitter, wie auch für den Standort Appenzell wirbt. Der Film berichtete über die Gründung des Unternehmens und über die Entstehung des Getränks.
Seit dem Jahre 1945 wird das Appenzeller Alpenbitter mit einem gleich bleibenden Rezept, mit über 40 Kräutern, produziert – beeindruckend in einer Zeit, die konstantem Wandel unterworfen ist.
Nachdem Film geht die Führung weiter durch Lagerräume, Kräuterkammern und zum Schluss in die Degustationshalle, natürlich immer in Begleitung des Alpenbitter Geruchs. Jährlich werden hier cirka 1000 Führungen durchgeführt. Trotz dieser hohen Zahl von Besuchern scheint es nicht wie eine Massenabfertigung. Die Mitarbeiter erklären geduldig und mit stolz die Herstellung des Produktes, welches sie herstellen.
Die Herstellung des Alpenbitters
42 Kräuter, Wurzeln, Blätter, Blüten, Samen und Rinden sind die Grundzutaten des Appenzeller Alpenbitter. Sie müssen voll ausgereift, getrocknet und sauber gereinigt sein. Die Kräuter werden in kühlen, klimatisierten und trockenen Räumen gelagert.
Bis zu diesem Punkt ist die Herstellung des Alpenbitters durchschaubar und wird offen gezeigt. Trotzdem bleibt das vollständige Rezept ein Geheimnis. Nur zwei Personen, Mitglieder des Verwaltungsrats, kennen die genaue Zusammensetzung des Bitters. Sie nehmen regelmässig und höchstpersönlich die Mischung vor. Falls den Beiden etwas zustossen sollte, ist das Rezept in einem Banktresor für die Nachfahren aufbewahrt. Nicht mal Willi Felder, Geschäftsführer der Appenzeller Alpenbitter AG, kennt das genaue Rezept, wie er im Gespräch verriet.
Felder steht seit mehr als zehn Jahren an der operativen Spitze der Firma. Er ist der zweite externe Geschäftsführer des Familienbetriebs. Die Familie selbst ist im Verwaltungsrat tätig.
Neue Schichten erschlossen
Der Appenzeller Alpenbitter wird dieses Jahr 107 Jahre alt. Da taucht die Frage auf, ob die Konsumenten von heute das Traditionsgetränk noch immer mögen? Die Antwort ist ja. Alpenbitter Kunden seien enorm markentreu und wichen in der Regel nicht auf andere Bitter, wie Jägermeister, Averna oder
Ramazzotti aus, so Felder. «Unsere Zielgruppe sind Leute ab cirka 25 Jahren, unbegrenzt nach oben. Personen unter 25 Jahren mündet der bittere Geschmack meist noch nicht», sagt Felder.
Um neue Käuferschichten anzusprechen, hat die Appenzeller Alpenbitter AG sich einigen «Anti-Aging»-Massnahmen unterzogen und ihr Sortiment erweitert. So lancierten Sie beispielsweise einen Vodka namens «Trotzki» – eine kleine Anspielung auf die Konkurrenz «Trojka».Ausserdem hat sich die Firma auch mit analkoholischen Getränken, wie Sirup und der Tochterfirma Crowning`s, welche Tee vertreibt, einen Platz im Markt gesichert.
Nach über zehn Dekaden immer noch jung
Seit über hundert Jahren gibt es das Appenzeller Alpenbitter. Solange ist auch die genaue Kräutermischung schon geheim. Ein Teil der Faszination und Beliebtheit des Getränks liegt wahrscheinlich genau darin und wird dank dem gut gehüteten Mysterium auch noch lange so bleiben.
Der Herisauer Künstler Steff Signer macht mit einem Spezial-Rezept, namens «Sägerei-Buebe Rüscher», eine Hommage an den Appenzeller Alpenbitter.
Sägerei-Buebe Rüscher
richtig guet, zom s’Hirni chrüsele
und de Guuh aaz’törne
hohes Glas mit Zitronenscheiben und Eis füllen
4cl Appenzeller darüber fliessen lassen
und mit Apfelsaft füllen
innerlich johlen oder bellen



























