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Carl Walter Liner wurde vergessen

Appenzell/AI. In einem Buch über den Abstrakten Expressionismus in der Schweiz wird der Appenzeller Maler nur am Rand erwähnt

Im Benteli-Verlag ist begleitend zur Ausstellung «Explosions lyriques» in Sion (VS) ein Übersichtswerk erschienen zur Hauptepoche des Abstrakten Expressionismus in der Schweiz. Dass Carl Walter Liner, ein bedeutender Vertreter dieser Stilrichtung, im Buch nur am Rand erwähnt wird, ärgert Roland Scotti, Kurator der Museen Liner.
Monica Dörig

14 Wissenschaftler, darunter einige vom Schweizer Institiut für Kunstwissenschaft, haben Texte zu dem drei Kilo schweren Buch beigesteuert. Die abstrakte Malerei in der Schweiz zwischen 1950 und 1965 sollte exemplarisch und umfassend dargestellt werden, wurde angekündigt. Die Ausstellung mit dem schönen Titel «Explosions lyriques» wurde im November in Sion eröffnet. Dazu ist der gleichnamige 450 Seiten starke Bildband im Benteli-Verlag erschienen.
Ein Maler, der sich dem Abstrakten Expressionismus nicht nur in einer kurzen Phase wie manche berühmte Zeitgenossen, sondern fast lebenslang gewidmet hat, wird nur einmal in einem Nebensatz – als Carl Liner – erwähnt: Carl Walter Liner, laut Roland Scotti einer der bedeutendsten Tachisten der Schweiz.

Verpasste Gelegenheit
Tachismus (von französisch taches: Flecken), ist eine Richtung der abstrakten Malerei, die nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren prägend war. Die dynamischen Strukturen dieser Bilder setzen sich aus Linien und Farbflächen zusammen. Als verwandte, weiterführende Richtung wird der Abstrakte Expressionismus bezeichnet.
Roland Scotti, Kurator der Museen Liner in Appenzell, ärgert sich: Keine einzige Anfrage sei bei ihm eingetroffen. Er weiss, dass die Hauptverantwortlichen des Buches und der Ausstellung sehr wohl Kenntnis von der Stiftung Liner mit ihren beiden Kunsthäusern und ihrer Sammlung haben. Bei sorgfältiger Recherche hätten die mehr als 100 aufgeführten Rat- und Leihgeber darauf kommen müssen, dass in Appenzell ein grosses Potenzial an Bildern, Zeitdokumenten und auch für eine zweite Ausstellungsstation vorhanden wären. Er stört sich vor allem daran, dass die Gelegenheit verpasst wurde, die Zeit von 1950 bis 1965 – «eine wichtige Kunstepoche der Schweiz, die wild bewegten Jahre…» – objektiv zu betrachten und Künstler vorzustellen, die im allgemeinen Bewusstsein nicht so präsent sind. Es gibt noch andere, die «vergessen» wurden. Der Herausgeber, Pascal Ruedin, beugt Vorwürfen im Vorwort vor, in dem er sich dafür entschuldigt, dass nicht jeder regionale Künstler berücksichtigt wurde. Roland Scotti nennt das Ignoranz. Carl Walter Liner ist seiner Meinung nach alles andere als als eine Randfigur dieser Zeit.

Vergessene Künstler
Im Buch heisse es, die verzerrte Wahrnehmung, die Vernachlässigung dieses Stils in der Schweizer Kunstgeschichtsschreibung  beruhe auf dem geringen Interesse an der Erforschung peripherer Verhältnisse. Also: Künstler die am Rande agierten, waren national oder international nicht erwähnenswert. Umso mehr bemängelt Scotti, dass das Buch nicht viel Neues zu bieten hat und die Kunstschaffenden an den Rändern wieder «vergisst». Die Auswahl der Künstler orientiere sich einmal mehr vorwiegend an den «Helden», sie  gehe kaum über eine ähnliche Ausstellung im Jahr 1978 in Zürich hinaus.
Als faulen Kompromiss bezeichnet er die Besetzung. Und anstatt die Kunstrichtung wirklich umfassend abzuhandeln, wende man sich den Konkreten wie Giacometti oder Mathias Spescha  zu. Das alles geschehe wohl mit der Absicht publikumswirksamer zu sein, vermutet Scotti.

«Helden» im Rampenlicht
Er kennt das Problem: Schweizer Künstler, die sich der abstrakten Malerei gewidmet haben, wurden gern zugunsten internationaler Berühmtheiten ins Lager verbannt. Gerade das kreidet Scotti den Verfassern des Wälzers an. Sie prangern das textlich zwar an, stellen aber selber  auch jene ins Rampenlicht, die man bereits kennt.
Er findet es «unredlich», dass zwar zwei, drei Galerien genannt werden, die sich um die abstrakten Expressionisten kümmern, die Sammlung Liner, die viele Exemplare aus diese Epoche besitzt und sich damit seit 1998 regelmässig auseinandersetzt,  oder die Maler-Witwe Katharina Liner, die sicher über wertvolle Zeugnisse verfügt, werden nicht erwähnt, wurden nie angefragt.
Missglücktes Soufflé
Roland Scotti ist klar, dass man ihm fehlende Objektivität vorwerfen kann. Er weiss aus eigener Erfahrung,  dass man mit begrenzter Ausstellungsfläche oder Seitenzahl des Kataloges nicht auf jedes Detail eingehen kann. Carl Walter Liner – und auch andere – hätten aber mehr als eine Erwähnung «unter ferner liefen»  verdient.
Er verstehe auch nicht, dass eine Ausstellung und eine Publikation mit enzyklopädischem Anspruch,  die sich hauptsächlich mit deutschsprachigen Künstlern befasst, keine zweite Station in dieser Landeshälfte anstrebt, fügt er an.
So kommt Roland Scotti das Buch vor wie ein Atlas aus dem gewisse Länder wegen Bedeutungslosigkeit einfach ausgeklammert werden. Unbrauchbar um sich zu orientieren. «Schade», sagt Scotti, «das angerichtete Soufflé ist in sich zusammengefallen.»

 

Appenzell InnerrhodenAppenzell Innerrhoden / 05.12.2009 - 08:25:48