Besuch bei Peter Morger, dem Abwesenden
Teufen. Im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden zeigt die Gemeindebibliothek in der Hechtremise die Inszenierung.
Besuch bei einem Abwesenden. Ungern betritt man seinen intimen Lebensraum, man kommt sich als Eindringling vor, es fehlt die Legitimation, sich hier aufzuhalten. Und doch: Es ist gerade die Abwesenheit, welche eine Gegenwärtigkeit der Begegnung herbeiführt, die sonst nicht möglich wäre. So paradox es klingt: Es ist oft die unmittelbare Anwesenheit einer Person, welche die Begegnung verhindert. Wie viele Gespräche verlaufen sich, wie oft verfehlt man den gegenseitigen Zugang, steht sich mehr im Wege, als dass man sich aufeinander zubewegt. – Der Abwesende erweist sich als zugänglich. Er kann sich nicht entgegenstellen und sich vorbehalten. Er ist nicht im Unrecht, wie das Sprichwort sagt, aber er verliert das Recht, sich als Rolle zu cachieren und uns somit den Zugang zu verstellen. Die Schutzbehauptungen fallen dahin – und somit bedarf er unseres Schutzes.
Peter Morger beendete sein Leben am 12. Februar 2002, am Tag seines 47. Geburtstages. Heute, sechs Jahre nach seinem Tod, geht es darum, wieder zu ihm hinzufinden. Das ist alles andere als einfach. Vieles steht im Weg, nicht zuletzt er selber, der virtuose Spieler, der in sich selber Verspielte, dessen Erscheinungsbild ihm so wenig zu entsprechen schien. – Zu seiner Gegenwärtigkeit hinfinden: der Weg führt über die Hinterlassenschaft, den Nachlass im weitesten Sinne. Er befindet sich einerseits in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen, andererseits in der Erinnerung der Menschen, die Peter Morger kannten. Viele haben ihn gekannt, kaum jemand in Trogen wusste nicht, wenn er dem verwirrt wirkenden Menschen auf der Strasse begegnete, dass es sich dabei um Peter Morger handelte. Vorurteile und Vorbehalte gab es zuhauf. Nur wenigen Menschen war es vergönnt, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen als Schulerinnerungen oder Erinnerungen an gemeinsame Anlässe und öffentliche Auftritte. Das Moment der Abwesenheit dominierte in zunehmendem Masse das Leben Peter Morgers, in bestimmten Situationen (Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik) erwies er sich als völlig unzugänglich, er konnte mit den Menschen nichts mehr anfangen – und sie nichts mit ihm. Gefangen in der Sucht, fand er keinen Weg in die Norm, zu der er ohnehin ein sehr ironisches Verhältnis hatte. Dass es seinem grossen Vorbild Robert Walser ähnlich ergangen war, machte seine Situation nicht einfacher und war auch als Legitimation für sein Versagen nicht tauglich.
«Lasst die Toten ruhen», sagen die Leute. Warum ans Tageslicht bringen, was besser im Dunkel der Vergangenheit ruhen sollte – vor allem, wenn es mit Krankheit, Leid und Versagen verbunden ist? – Andererseits besteht das Bedürfnis, der Gegenwart zu erhalten, was über den Tod hinaus von Bedeutung ist, was auch heute berührt. Peter Morger war – ist – ein bedeutender Schriftsteller. Ist auch die Kritik nach dem Grosserfolg von «Notstrom» recht unzimperlich mit ihm umgegangen, was ihn veranlasste, sich zum verkannten Autor zu stilisieren, erinnerungswert bleibt seine Sicht auf die Menschen und Dinge, die Perspektive aus der Position «jenseits der Norm», und es ist nicht zu übersehen, dass auch die gesellschaftliche und politische Situation im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert in seiner Biographie ihren Niederschlag findet.
Die Veranstaltung in der Hechtremise in Teufen sucht die Begegnung mit Peter Morger – Begegnung mit dem Schriftsteller und dem Menschen, der sich selber zum Verhängnis wurde, nicht zuletzt in dem, was ihn zum Dichter machte. Begegnung auch mit dem, was er hinterliess: Aufzeichnungen, Bilder, Collagen und viele Dias, die zunehmend sein bevorzugtes Ausdrucksmittel waren. Die Besucher, Barbara Bucher, Karin Bucher und Matthias Flückiger, betreten den Raum seiner Hinterlassenschaft als Suchende, Aufsuchende und Fragende. Antworten gibt es keine, ausgenommen die, welche Peter Morger selber gegeben hat. Somit gibt es auch keine Schuldzuweisungen, und ob im Falle von Peter Morger von einem «tragischen Schicksal» gesprochen werden muss, ist jedem, der am Besuch bei Peter Morger teilnimmt, überlassen.
Premiere: Fr, 7. November 2008, 20.00 Uhr, Eröffnung durch Regierungsrat Dr. Matthias Weishaupt
Vorstellungen: Sa, 8. November 2008, 20.00 Uhr / So, 9. November 2008, 17.00 Uhr
Spielort: Hechtremise Teufen
Einlass jeweils 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Anschliessend Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den Archivalien und Barbetrieb
Eintritt: 25.- / 15.- Reservationen: Gemeindebibliothek Teufen, 071 333 24 43 oder E-Mail an info@biblioteufen.ch
Sehen Sie sich hier den Flyer an.



























