«Andere Prioritäten»
Appenzell. Bei Schülerinnen und Schülern findet das Pflegeheimprojekt des Gymnasiums immer weniger Anklang. Martin Büchel, Leiter des Foyers dal Cappuccino, weiss mögliche Gründe.
Herr Büchel, wie lange besteht das Projekt Pflegeheim bereits?
Wir starteten mit diesem Projekt im September 2005. Die Jugendlichen engagierten sich zwei Mal in der Woche à zwei Stunden, einmal im Team von zwei Personen und dann im Team von vier Personen.
Wer kam auf die Idee dieses Projektes? Was waren die Beweggründe es ins Leben zu rufen?
Das Foyer dal Cappuccino am Gymnasium St. Antonius, welches 1998 gegründet wurde und die Gemeinschaft unter allen Personen am Gymnasium stärken will, wird finanziell stark von 16 Foyergönnern – alles Unternehmerinnen und Unternehmer von Appenzell – mitgetragen. Zu Ehren der Foyergönner gibt es alljährlich ein festliches Abendessen und an einem solchen Abendessen wurde die Idee dieses Projektes geboren.
Die Freundin eines Gönners arbeitete damals im Pflegeheim Appenzell und wollte etwas Gutes für die betagten Menschen tun. Die Diskussion zeigte rasch, dass ein solches Projekt ein Gewinn für alle Seiten, nämlich für die betagten Personen und für die Studentinnen und Studenten, sein könnte. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims würden in Kontakt mit jungen Leuten kommen und hätten eine willkommene Abwechslung zu ihrem oft eintönigen Alltag, die Jugendlichen könnten Erfahrungen gewinnen im Umgang mit betagten Personen, würden angeregt werden, über Leben und Tod nachzudenken und könnten obendrein noch ein Taschengeld verdienen. Da das Foyer sich auf die Fahne geschrieben hat, GEMEINSCHAFT ZU FÖRDERN, kam dieses Projekt auch dem Foyerzweck entgegen, denn die Jugendlichen mussten sich im Pflegeheim jeweils ALS TEAM engagieren.
War die Begeisterung zu Beginn von Seiten der Pflegebedürftigen und Jugendlichen gross?
Zu Beginn des Projektes war die Begeisterung auf beiden Seiten beachtlich. Nun nach drei Jahren hat die Begeisterung der Jugendlichen spürbar nachgelassen.
Wie erklären Sie sich den Rückgang des Interesses der Schüler? Wo könnten die Gründe dafür liegen?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Als wir die SchülerInnen selber nach den Gründen fragten, gaben sie als Grund den Zeitdruck an, welchen sie am Gymnasium erleben. Die Jugendlichen sind am Gymnasium tatsächlich einem grossen Leistungsdruck – und damit verbunden: einem Zeitdruck – ausgesetzt und von daher ist es zu verstehen, wenn sie Prioritäten setzen. Der Zeitfaktor ist tatsächlich nicht zu unterschätzen, denn wenn sie am Mittwoch- oder Samstagnachmittag einen 2-Stunden-Einsatz hatten, ist der Nachmittag «mehr oder weniger gelaufen». Andererseits war der Zeitdruck auch im Jahre 2005 da, als die Begeisterung für dieses neue Projekt gross war; darum ist dieses Argument des Zeitdruckes (für mich) relativ.
Die Erfahrungen mit den betagten Menschen waren für die Jugendlichen nicht immer nur einfach. Das eine Mal kamen sie begeistert und aufgestellt von ihrem Einsatz zurück, dann wieder waren sie froh, wenn «alles vorbei war», vor allem dann, wenn der Einsatz schwierig war (wenn zum Beispiel wenn eine Bewohnerin oder Bewohner im Dorfcafé plötzlich nicht mehr ins Pflegeheim zurück wollte und die Studenten ihnen beim besten Willen nicht zureden konnten, oder wenn eine «gewohnte Kommunikation» nicht mehr möglich war, oder wenn Betagte offen ihren Wunsch äusserten, sterben zu wollen).
Die Jugendlichen sind zum Projekt nicht negativ eingestellt, viele finden es sogar ein spannendes Projekt. Aber die Jugendlichen setzen ihre Prioritäten: Anderswo können sie in derselben Zeit vielleicht mehr verdienen, auch wenn sie dabei nicht so wertvolle Erfahrungen sammeln können wie beim Pflegeheimprojekt. Oder: Eine anstehende Prüfung ist in dieser Lebensphase von Natur her viel wichtiger als ein sozialer Einsatz. Oder: Sie nutzen die freie Zeit lieber, um mit Freunden zusammen zu sein.
Wie machen Sie den Schülern das Projekt schmackhaft? Wird dafür in der Schule geworben?
Wir machen keine «aggressive» Werbung, denn das Engagement im Pflegeheim soll ja ein Angebot sein und keine Stellenvermittlungsarbeit. Wir machen die SchülerInnen am Anfang des Schuljahres auf diese Möglichkeit aufmerksam und erinnern sie immer wieder mit entsprechenden Flyers daran.
Wir machen auch darum keine grosse Werbung in der Schule, weil diese Arbeit meines Erachtens nicht primäres Ziel der Ausbildung am Gymnasium ist; es ist mehr etwas für Personen, die neben ihrer intellektuellen Intelligenz auch ihre emotionale/soziale Intelligenz schulen wollen. Und das ist meines Erachtens etwas, was von innen her, vom Herzen, kommen soll. Das kann und soll man nicht von aussen steuern!
Wie sieht dieses Projekt konkret aus? Was machen die Schüler im Pflegeheim?
Die Studentinnen und Studenten gehen im Team zu zwei beziehungsweise vier Personen zweimal in der Woche, jeweils am Mittwoch und Samstag beziehungsweise je nach Stundenplan am Donnerstag und Samstag, für zwei Stunden ins Pflegeheim.
Die Aktivitäten sind: miteinander spazieren gehen (in der Umgebung oder im Dorf), miteinander einen Friedhofsbesuch machen, ein gemütlicher Café-Aufenthalt, miteinander Spielen (Jassen), aus der Zeitung vorlesen oder beim Essen verteilen die Hand reichen.
Ausser der logistischen Planung (eintragen, wer wann mit wem in welchen Stock geht) gab es keine Vorbereitungsarbeiten.
Wie wichtig ist es für Sie das Pflegeheimprojekt weiterhin durchführen zu können?
Wenn «es fliesst», finde ich dieses Projekt eine wunderbare Sache für mich, eine tolle Chance für die Studentinnen und Studenten und ein Geschenk für die betagten Personen. Aber erzwingen will ich ein solches Engagement nicht; das würde nicht zu einem solchen Projekt passen.
Ich denke, es gibt eine Zeit des Engagements und eine Zeit des Ruhens. Ich erfahre das Leben als einen Rhythmus, und ich bin dankbar, wenn ich diesen Rhythmus erkennen und in diesem Rhythmus leben darf. Für mich persönlich ist es beglückender, mit dem Fluss des Lebens zu gehen, als meine Ideen mit aller Kraft durchzudrücken. Und das gilt auch für das Pflegeheimprojekt. Vielleicht muss/darf ich dieses Projekt wieder loslassen und dafür entstehen neue Projekte und Ideen. Ich bleibe offen und lasse mich gerne überraschen.
Und wer weiss: Vielleicht folgt im kommenden Schuljahr wieder eine neue Welle der Begeisterung. Wenn dem so ist, dann werde ich diese Begeisterung sicher wahrnehmen und dieses Projekt mit Freude weiterführen.



























