«Âllo? Âllo Pauline?»
Lieber Westschweizer Freund, falls Du diese Zeilen liest: Ich bin nicht Pauline, und Deine Anrufe sind bei mir an der falschen Stelle.
Ich weiss nicht mehr genau, wann es begann. Vor einem halben Jahr vielleicht, es könnten auch zehn Monate sein. Irgendwann klingelte mein mitnehmbares schnurloses Telefon auf Strahlenbasis (ich mag das Wort «Handy» nicht), der Anrufer hatte seine Nummer unterdrückt. Ich nahm mit einem männlich-selbstsicheren «Hallo, hier Sauer» ab, worauf ich diese Stimme zum ersten Mal hörte. Ein mir unbekannter Mann sagte: «Âllo? Âllo Pauline?» Es entspannte sich ein Dialog, der in der kommenden Zeit zu einem festen Bestandteil meines Tagesablaufs werden sollte. Ich erklärte dem offensichtlich französisch Sprechenden, dass ich leider nicht Pauline sei, was diesen aber nicht beeindruckte. Über mich ergoss sich ein veritabler Wortschwall, von dem ich nicht viel verstand, aus dem ich aber die Worte «ce soir», «moi», «toi» und «diner» herauszuhören glaubte.
Mein bedenkliches Schulfranzösisch reichte aus, um nachzuvollziehen, dass der unbekannte Anrufer am bewussten Abend gerne eine gewisse Pauline zum Abendessen ausgeführt hätte. Schön für Pauline, aber ich selber hatte bereits etwas vor. Also beendete ich den Anruf irgendwann auf französisch, indem ich das Aufhäng-Symbol drückte.
Seither ruft mich der Herr regelmässig an. Hin und wieder schlägt er statt des Abendessens einen Besuch in der Oper vor (was ich dann jeweils mit einem «Je ne gang pas in die Oper» beantworte). Immer aber scheint der Franzose oder Welsche überzeugt zu sein, Pauline dran zu haben, selbst wenn ich im sonorsten Bass ins Telefon schreie, dass ich der Heri Sauer bin und dass die einzige Pauline, die ich kenne, der Paul ist, unser Dorfmetzger.
Mittlerweile habe ich mich sogar fast an die Anrufe gewöhnt. Vielleicht würden sie mir sogar fehlen. Mir tut nur der Anrufer ein bisschen leid. Ganz offensichtlich hat er an dieser Pauline einen Narren gefressen, und die hat ihn eiskalt abserviert, indem sie ihm einfach eine falsche Telefonnummer gegeben hat – per Zufall meine. Das jedenfalls ist meine Theorie zur ganzen Affäre. Vielleicht sollte ich Claude – so nenne ich den Unbekannten für mich selbst – irgendwann mit meinen paar Brocken Französisch davon in Kenntnis setzen. Aber vielleicht braucht er ja auch den Ansporn, immer wieder sein Glück zu versuchen und einen Korb zu erhalten. Lieber Claude: Du hast was viel Besseres verdient als diese Pauline.



























