3500 Heilmittel in Gefahr?
AR. Welche Leistungen der Komplementärmedizin sollen von den Kassen übernommen werden? Nationalrätin Marianne Kleiner hat einen Kompromiss-Vorstoss eingereicht.
Die Krankenkassenprämien steigen unaufhörlich, das Schweizer Gesundheitssystem ist top, aber teuer. In Diskussionen wird der Schwarze Peter von einer Seite zur anderen geschoben. Sind es die vielen Spitäler, welche für die Kosten verantwortlich sind? Leisten wir uns zu viel Spitzenmedizin? Oder aber sollte man nur noch auf die Schulmedizin setzen, weil die Ergebnisse der Komplementärmedizin zu wenig überprüfbar sind, wie manche behaupten?
Initiative: Grosse Zustimmung
Der Bundesrat schlägt eine klare Richtung ein. Innen- und damit auch Gesundheitsminister Pascal Couchepin (FDP) hat eine Reihe von Angeboten der Komplementärmedizin aus der Grundversicherung gekippt. Wer Leistungen für solche Angebote beziehen will, muss sich zusätzlich versichern. Seither laufen die Direktbetroffenen Sturm gegen diese Massnahme. Und das sind nicht wenige, sind doch nicht nur die Anbieter, sondern auch viele Konsumenten davon betroffen. Die Volks-Initiative «Ja zur Komplementärmedizin», die kürzlich im Nationalrat behandelt wurde, zeugt davon. Im Parlament wurde sie zwar verworfen, laut den jüngsten Umfragen stimmen aber zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten der Initiative zu.
Die Naturärzte-Vereingung der Schweiz (NVS) mit Geschäftssitz in Herisau stellt sich hinter die Initiative. Der NVS-Präsident Christian U. Vogel, Naturarzt in Rehetobel: «Die Initiative ist der Träger für ganz konkrete Forderungen. Eine dieser Forderungen ist der Erhalt der Vielfalt an Naturheilmitteln.» Im Kanton Ausserrhoden seien heute gegen 3500 solcher Heilmittel kantonal registriert. Ende 2008 laufen alle kantonalen Registrierungen aus. «Dann gibt es nur noch die Swissmedic-Registrierungen, deren Forderungen für 95 Prozent dieser Heilmittel nicht erfüllbar sind», stellt Vogel klar.
Vorstoss hängig
Das aber bedeutet: Diese Heilmittel stehen den Heilpraktikern und ihren Patienten dann nicht mehr zur Verfügung. Christian Vogel sieht allerdings ein Licht am Horizont: «Zur Zeit ist eine parlamentarische Initiative von Frau Marianne Kleiner hängig, um das eidgenössische Heilmittelgesetz in unserem Sinne zu konkretisieren.» Die Initiative bringe den notwendigen politischen Druck, um diesen Anliegen Gewicht zu geben.
Gefährdet ist ganz konkret auch die Anerkennung von Gesundheitsberufen, die nicht schulmedizinisch ausgerichtet sind. «Was die kantonale Anerkennung anbelangt, sind wir im Ausserrhodischen im Vergleich mit den meisten andern Kantonen sehr privilegiert», gibt Vogel zu, um anzufügen: «Privilegien sind aber immer bedroht.» Die Schaffung von eidgenössischen Diplomen für Heilpraktikern und Komplementärtherapeuten würde laut dem NVS-Präsidenten den Status und die Qualität der Naturheilkunde landesweit sichern.
«Kostengünstig und wirksam»
Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP, Herisau) hat eine Parlamentarische Initiative zu Gunsten der Komplementärmedizin eingereicht. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt sie die Hintergründe und Ihre Motivation.
Frau Kleiner, die parlamentarische Initiative verlangt eine Konkretisierung des Heilmittelgesetzes. Was bedeutet das?
Ich möchte mit meiner Parlamentarischen Initiative erreichen, dass komplementärmedizinische Heilmittel, die seit zehn Jahren ohne Komplikationen verwendet werden oder die eine kantonale Zulassung hatten, keine Registrierungen von Swissmedic mehr benötigen, da diese sind sehr aufwendig und teuer sind und sich nicht lohnen für Heilmittel, die in kleinen Mengen hergestellt werden. Die andern verteuern sie auf unnötige Weise.
Die Komplementärmedizin ist unter Beschuss, weil sie die Gesundheitskosten zusätzlich antreibe. Ist Ihr Vorstoss also mit Blick auf die Krankenkassenprämien den Sparbemühungen entgegen gesetzt?
Die Komplementärmedizin ist kostengünstig, wirksam und nebenwirkungsfrei. Die Einsparung, die durch das Herauskippen aus dem Grundleistungskatalog erreicht wurde, beträgt etwa 25 Millionen Franken und ist damit im Promillebereich der Gesundheitskosten.
Wie wichtig ist Ihr Vorstoss ganz konkret für das Appenzellerland, in dem Komplementärmedizin und Naturheilverfahren ja traditionell grosse Bedeutung haben?
Er ist sehr wichtig. Ohne Gegenmassnahmen verschwinden durch die bürokratische Handhabe des Heilmittelgesetzes durch Swissmedic 3300 kantonal registrierte Heilmittel.
Die Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» enthält einiges, das Sie auch fordern, geht aber viel weiter. Was halten Sie von der Initiative?
Ich habe die Volksinitiative unterschrieben, um die Komplementärmedizin zu stärken. Das Wort «umfassende Berücksichtigung» macht aber auch mir Bauchweh. Es muss sicher eine Grenze gezogen werden, damit nicht einfach alles kassenpflichtig wird, was auch noch jemandem gut tut. Interview: sm



























