0900-Nummer im Dienste der Gesundheit
Herisau. Der ärztliche Notfalldienst wird mit der neuen Notfallnummer 0900 144 000 umstrukturiert. Der Hausarzt Dr. Bernahrd Lutz gibt im Interview Auskunft über die Umgestaltung.
Es ist Sommer und ein sonniger Sonntag lädt zu einem Ausflug in die Berge ein. Jetzt heisst es schnell den Picknick-Korb packen, die Kinder startklar machen und dann ab ins Grüne. Doch vor der Abreise klagt die Tochter über Erschöpfung. Besorgt muss die Mutter feststellen, dass sie über 40 Grad Fieber hat. Die Mutter reagiert bei einer solch hohen Temperatur richtig und möchte schnell den Notfallarzt kontaktieren. Doch welcher Arzt hat denn heute Dienst und welche Telefonnummer hat er? Nun beginnt das lange Blättern in der Zeitung, bis man schliesslich die Nummer des praktizierenden Arztes findet.
Diese mühsamen Suchaktionen werden in Zukunft gänzlich wegfallen, denn auf den 1. April wird eine neue einheitliche Notfallnummer eingerichtet, welche dem ständigen Nachschlagen in der Zeitung oder im Telefonbuch ein Ende bereitet.
Im Interview erklärt Bernhard Lutz, Hausarzt aus Herisau und der Hauptverantwortliche für die Umgestaltung des Notfalldienstes in Herisau, die Vor- und Nachteile des neuen Systems, sowie die Tücken des Notfalldienstes.
Herr Lutz, der ärztliche Notfalldienst wird nicht allein von den Hausärzten angeboten, sondern auch von den Spitälern. Welchen Stellenwert hat der hausärztliche Notfalldienst heutzutage in der Bevölkerung überhaupt noch?
In Herisau gibt es eine gute und konstruktive Zusammenarbeit zwischen den dienstleistenden Hausärzten und den Ärzten im Spital. Ich sehe den Notfalldienst der Spitäler nicht als eine Konkurrenz sondern als eine Ergänzung der ärztlichen Versorgung. Manchmal kommt es vor, dass sich Leute nicht trauen, an einem Sonntag den Hausarzt anzurufen, doch der Notfalldienst ist genau dafür da. Die Idee ist, dass die Notfälle als erstes zum Hausarzt gelangen und dieser entscheidet, ob die Person hospitalisiert werden muss oder ob er sie selbst behandeln kann. Durch diese Handhabung werden die Spitäler entlastet und die Kosten werden möglichst gering gehalten.
Nun wird das neue System mit der 0900-Sammelnummer eingeführt. Welche Vorteile hat diese Änderung?
Am meisten profitiert der Patient von der Sammelnummer. Durch die Vereinheitlichung muss nicht mehr ständig nachgeschlagen werden, welcher Hausarzt Dienst hat. Alle Patienten können die 0900 144 000 wählen und werden dann direkt zum behandelnden Arzt in Herisau weitergeleitet. Auch weiterhin soll jedoch von Montag bis Samstag mit Ausnahme am Donnerstag zuerst der eigene Hausarzt kontaktiert werden.
Für die Ärzte ist die Neugestaltung ebenfalls ein Vorteil, da die Flexibilität während dem Notfalldienst verbessert wird. Falls ein Arzt an einem Tag ausfällt, kann der Notfalldienst einfacher abgetauscht werden, da man nur die Nummer dem Kollegen übergeben muss.
Viele Anrufe für den Notfalldienst sind eigentlich keine Notfälle und die Leute könnten bis am Montag damit warten. Werden solche «Bagatell-Anrufe» mit dem neuen System verhindert?
Nein. Es stimmt, dass viele Meldungen keine schlimmen Notfälle sind. Oft sind es verunsicherte Leute, die nicht wissen, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhalten sollen, zum Beispiel wenn ihr Kind hohes Fieber hat. In solchen Situationen rufen sie uns an, um sich zu erkundigen, was zu tun ist. Diese Anrufe stehen in einem 50:50 Verhältnis zu den schweren Notfällen und wir Hausärzte stehen auch gerne beratend zur Seite.
Welchen Belastungen ist der Arzt während dem Notfalldienst ausgesetzt?
Der Notfalldienst ist sicherlich eine Stresssituation für den Arzt, schliesslich muss man 24 Stunden am Tag erreichbar sein. So sind auch mehrfache nächtliche Einsätze keine Seltenheit. Zusätzlich belastet die Ungewissheit, was alles auf einen zu kommen könnte und die grosse Verantwortung, die man trägt.
Wenn man diese Strapazen betrachtet, stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre einem «fliegenden Arzt» den Notfalldienst zu übertragen, welcher nur noch für die Notfälle zuständig wäre? Dadurch würden die Hausärzte sicherlich stark entlastet werden.
Solche Ärzte gibt es in grösseren Städten, aber ich glaube nicht, dass es sich lohnen würde, in Herisau einen solchen Arzt einzustellen. Es gibt in den Notfalldienstzeiten auch große Flautezeiten in denen wenig oder nichts läuft. Der Notfalldienst ist für die Anwohner sehr wichtig und die Hausärzte kennen die Anliegen der Patienten am besten. Ein externer Arzt hätte nicht so viel Hintergrundwissen wie die Hausärzte. Zudem gehört die Ausübung des Notfalldienstes zu unserem Beruf und es wäre schade, wenn dieser Teil wegfallen würde.
Nun haben sie uns schon die Vorteile der neuen Sammelnummer geschildert. Birgt die 0900-Nummer auch Nachteile in sich?
Überwiegend sind sicherlich die Vorteile, welche ich bereits genannt habe. Ein Nachteil ist, dass für den Patienten nicht mehr sichtbar ist, welcher Arzt an diesem Tag Dienst hat. Der Patient ruft an und erfährt erst am Telefon welchem Hausarzt man sich anvertrauen muss. Doch bei einem Notfall sollte dies keine Rolle spielen. Wer sich wegen dieser Tatsache abhalten lässt, den Arzt zu kontaktieren befindet sich – meiner Meinung nach – nicht in einer Notsituation.
Zudem ist die 0900-Nummer kostenpflichtig und wird mit 1.80 Franken pro Minute verrechnet. Dieser Preis ist vertretbar, da die Unkosten der Dienstplanung gedeckt werden müssen. Grundsätzlich könnte nach Tarmed bei jeder ärztlichen Telefonauskunft eine Telefonkonsultation mit deutlich höherem Ansatz verrechnet werden, was jedoch auf Grund des großen administrativen Aufwandes kaum gemacht wird. Die Kosten sind in keiner Weise eine Geldmacherei, sondern eine gerechtfertigte Abdeckung aller Kosten.
Die 0900-Nummern können von gewissen Mobiltelefonen nicht angewählt werden, da die Telefone eine Sperrung programmiert haben. Ist es dadurch nicht problematisch, eine 0900-Nummer einzurichten?
In St.Gallen wurden Erfahrungen mit diesem Problem gemacht aber in der Zwischenzeit kann man sagen, dass diese Sperrung nicht mehr verbreitet ist und die Akzeptanz für 0900-Dienste gestiegen ist. Die Rückmeldungen bezüglich der Probleme mit solchen Sperrungen nehmen ab und wir sehen somit keinen Grund, weshalb diese Nummer nicht eingerichtet werden könnte.
Befindet sich der Arzt während dem Notfalldienst nicht in einer Konkurrenzsituation zu dem anderen Hausarzt des Patienten? Der Notfalldienst bietet eine perfekte Plattform um neue Patienten anzuwerben, kann man sagen, dass der Notfalldienst Kundenfang ist?
Es ist nicht so, dass wir zu wenig Arbeit hätten, deshalb sind wir Hausärzte auch nicht darauf angewiesen uns auf diese Art und Weise Kunden anzueignen. Das ist nicht die Idee des Notfalldienstes, es geht primär um das Wohl der Patienten. Der jeweilige Arzt benachrichtigt den Hausarzt über die behandelten Patienten und so findet keine Abwerbung statt. Es ist schlichtweg eine Frage der Kollegialität unter den Hausärzten und im Falle, dass ein Patient auf Grund des Notfalldienstes den Arzt wechseln möchte, ist das die legitime Entscheidung des Patienten und muss respektiert werden.
Abgesehen von den Strapazen und dem Verlust von Freizeit: Leisten Sie persönlich gerne Notfalldienst?
Ich würde nicht sagen, dass ich den Dienst gerne übernehme, schliesslich ist es Arbeit am Wochenende und es ist eine Stresssituation. Trotz allem finde ich es immer wieder spannend, die verschiedenen Leute zu treffen und kennen zu lernen. Im Notfalldienst hat der Arzt auch einen ganz anderen Kontakt zu den Patienten als im üblichen Praxisalltag. Ebenfalls ist die Dankbarkeit der Leute, denen man helfen konnte, sehr befriedigend für jeden Arzt und gibt einem somit Energie den folgenden Notfalldienst anzugehen.



























