ORT Zürich
Europa Mi. 29. April 2009 - 09:12 Uhr / Margrith Widmer, SDA/PN

Menschenrecht versus Männer-Landsgemeinde

Vor 20 Jahren wurde an der Landsgemeinde über das Frauenstimmrecht entschieden. (Symbolbild)
Vor 20 Jahren wurde an der Landsgemeinde über das Frauenstimmrecht entschieden. (Symbolbild)

polizeinews.ch

Herisau/AR. Vor 20 Jahren wurde im Kanton Appenzell Ausserrhoden das Frauenstimmrecht eingeführt. Die Frauen waren endlich gleichberechtigt. - Margrith Widmer, SDA/PN

«Ihr habt der Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts zugestimmt,» - die Worte von Landammann Hans Ulrich Hohl an der Ausserrhoder Landsgemeinde vom 30. April 1989 besiegelten die Wende: Die Frauen waren gleichberechtigt.

Dabei waren die Ausserrhoderinnen seit 1971 auf eidgenössischer Ebene stimmberechtigt. In den Gemeinden konnten sie seit 1972 mitentscheiden, in den evangelischen Kirchgemeinden sogar schon seit 1954.

Die Lücke klaffte im Kanton: Obwohl die Gemeinden Wahlkreise für den Kantonsrat waren, durften Frauen nicht wählen und ins Parlament gewählt werden. Mit unschöner Regelmässigkeit verwarf die Männerlandsgemeinde Vorlagen zur Gleichberechtigung der Frauen.

Zerbrochene Degen
1972 und 1976 lehnte die Landsgemeinde Vorlagen für ein Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene ab, 1979 schickte sie auch eine Vorlage zur teilweisen Einführung des Wahlrechts bei Stände- und Kantonsratswahlen bachab. 1984 verweigerte sie ihre Zustimmung zu einer Urnenabstimmung mit Beteiligung der Frauen über das Frauenstimmrecht.

1989 kam der Umschwung. Zwar behaupten eingefleischte Gegner noch heute, die Frauenstimmrechtsvorlage sei verworfen worden; die Regierung habe das Volk «betrogen». Und Landammann Hans Höhener erhielt zerbrochene Degen zugeschickt und Morddrohungen. Zeitweise stand der Landammann gar unter Polizeischutz.

Die Landsgemeinde war das - zum Teil vorgeschobene - Haupthindernis auf dem Weg der Appenzellerinnen zur Gleichberechtigung: Die Würde der Landsgemeinde sei gefährdet, argumentierten die Gegner, die Landsgemeindeplätze seien zu klein - was sich als falsch erwies - die stilreine Erhaltung uralten Brauchtums wurde postuliert.

Blumen fürs Patriarchat
Letztlich ging es aber schlicht um das Primat der patriarchalischen Ordnung. Ein besonders spitzfindiger Kantonsrat argumentierte, Frauen könnten aus anatomischen Gründen keine Gewehre tragen; deshalb seien sie auch unfähig, politische Entscheide zu treffen.

Die Frauen bemühten sich, so sanft wie möglich zu argumentieren: 1981 schenkten sie den Landsgemeindemannen Blumensträusschen, Wiesenschaumkraut - und ernteten Spott, Hohn und zertrampelte Blüten. Viele Gegner waren aggressiv und frauenfeindlich. Die Frauen konterten mit Verständnis für den «Vatertag» mit Beizentour.

Gegenlandsgemeinde

Schliesslich brachte ein Mann Pfeffer in den Dauer-Abstimmungskampf: Der Trogner Konzeptkünstler H. R. Fricker erfand die anarchistische fiktive Ida Schläpfer, eine Bärin, die er auf Plakaten und Briefmarken aufmarschieren liess. Sie und Frickers Küchenstuhl waren die Hauptattraktionen der Frauenlandsgemeinde 1987 in Trogen, einer Gegenlandsgemeinde zur Männerveranstaltung in Hundwil.

1990 standen die Frauen in Trogen dann zum ersten Mal rechtens im Ring. 1994 wählte eine, dank der Abwesenheit der Gegner, sehr progressive Landsgemeinde gleich zwei Frauen in die Regierung und an der letzten Landsgemeinde 1997 wurde Marianne Kleiner zur ersten Frau Landammann gewählt.

Im selben Jahr schafften die Ausserrhoder die Landsgemeinde in einer Urnenabstimmung ab - aus Rache und aus Wut über den Untergang der Kantonalbank.

1990 oktroyierte das Bundesgericht Innerrhoden das Frauenstimmrecht auf. Die beiden Appenzell waren die Schlusslichter in der Schweiz. Die Schweiz aber war das Schlusslicht in Europa. Die übrige Schweiz solle sich nicht zu viel auf ihren Vorsprung einbilden, schrieb die Innerrhoder Frauenstimmrechtsaktivistin Vreni Mock in «Frauenleben Appenzell».

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