ORT Zürich 15,7°
Europa Mi. 5. August 2009 - 08:54 Uhr / Michael Nyffenegger, sda/PN

Peter Preisig schmiedet Schellen wie vor 200 Jahren

Auch auf die Legierung des Stahls kommt es an. «Je härter das Material, desto schwerer ist es zu bearbeiten und desto reichhaltiger wird der Klang der Schelle», sagt Preisig.
Auch auf die Legierung des Stahls kommt es an. «Je härter das Material, desto schwerer ist es zu bearbeiten und desto reichhaltiger wird der Klang der Schelle», sagt Preisig.

polizeinews.ch

Herisau/AR. Unter den schnellen, kräftigen Hammerschlägen Peter Preisigs wölbt sich das glühende Blech, Schlag um Schlag, langsam zur Halbkugel. - Michael Nyffenegger, sda/PN

Das Gebläse lässt den Ofen fauchen und die Funken sprühen. Acht Stunden Arbeit stecken in einer kunstvoll geschmiedeten Schelle.

Der Geruch von Feuer und Metall liegt in der Luft. Peter Preisigs Schmiede ist eine ehemalige Pulverfabrik im Weiler «Bleichmühle» zwischen Herisau und Gossau. Seit fünf Jahren heizt der Schellenschmied in seiner Freizeit den Ofen ein. Hauptberuflich bildet der 34-jährige Preisig in Uzwil Lehrlinge im Anlagen- und
Apparatebau aus.

Doppeltes Eisen im Feuer
Geschützt durch einen dicken Lederschurz, wendet er mit der Schmiedezange gerade ein tellergrosses rundes Eisen im Feuer. Bei genauem Hinsehen sind es zwei aufeinander liegende Bleche: Aus diesen «Zwillingen» entstehen zwei Halbkugeln, die aufeinander passen. Auf einem massiven Zylinder treibt Preisig
das heisse Metall mit dem Hammer in die richtige Form.

Neben dem Ofen stehen zwei Ambosse und ein «Gsenk», eine Art Negativ mit halbkugelförmigen Senkungen. Auf einem Tisch liegen acht grauschwarze Rohlinge, bereits mit dem charakteristischen Rollen-Schlitz versehen. Anderthalb Kilogramm wiegt jedes Stück. Sie ergeben einen achtteiligen «Rollenträger» für einen Silvesterklaus.

Musik des Silvesterklausens
«Es braucht Rollen, die tiefer klingen, und solche mit vielen Obertönen», erklärt Preisig. Die Herstellung erfordert nicht nur Schmiedekunst, sondern auch Vertrautheit mit der eigentümlichen Klangwelt des Brauchtums. Peter Preisig ist an Silvester jeweils selber als Klaus in Herisau unterwegs und kennt diese Welt.

An einer Wand hängen an Schnüren Blechquadrate. Sie klingen, wenn man sie anschlägt, unterschiedlich. Je dicker das Blech, desto höher der Ton. Auch auf die Legierung des Stahls kommt es an. «Je härter das Material, desto schwerer ist es zu bearbeiten und desto reichhaltiger wird der Klang», sagt Preisig. Wichtig ist die gleichmässige Verarbeitung des Metalls, was viel Übung erfordert.

Die Kunst des Feuervermessingens
Ihre goldene Farbe erhalten die Rollen und Schellen durch Vermessingen im Feuer. Dafür werden sie in einen «Teig» eingepackt und mit Messingplättchen beklebt. Preisig verwendet dazu leere Patronenhülsen und andere Messingabfälle.

Den «Teig» stellt er aus gemahlenem Lehm und einigen geheimen Zutaten her. Als «Armierung» mischt er Gerstenhaare bei. Die eingepackten Kugeln bringt Preisig in einem selber gebauten Ofen im Freien
zum Glühen. Jetzt schmilzt das Messing, und die Rolle wird gleichmässig beschichtet - für den Schmied «ein spannender Vorgang». Das Ganze erinnert an Alchemie. Damit die Rollen ihren charakteristisch kupferigen Glanz erhalten, müssen sie zuletzt noch poliert werden.

Altes Handwerk erhalten
«Ich möchte dieses alte Handwerk erhalten», sagt Preisig, der aus einer traditionsbewussten Familie stammt. Schon als Karosseriespengler-Lehrling stellte er an Samstagen in der Werkstatt versuchsweise Rollen her. Inzwischen ist er ein Profi.

Die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten musste sich der Handwerker geduldig erarbeiten. Seit gut zehn Jahren befasst er sich mit dem Schmieden von Rollen und Schellen. Die verschiedenen Öfen und manche Werkzeuge, zum Beispiel die Schmiedehämmer, stellte er selber her oder liess sie nach seinen Angaben bauen.

Bildungsreisen ins Tirol
Als 24-Jähriger reiste er ins Tirol nach Strengen, zu einem der letzten Schellenschmiede, die das alte Handwerk ausübten. Von ihm erhielt der «Lehrling» aus Herisau mündliche Anweisungen und Tipps. Es folgten noch einige weitere Fahrten nach Strengen. Preisig zeigte dem betagten Schmied die ersten
selber gefertigten Rollen, und sie wurden mit Respekt begutachtet.

Unzählige Stunden verbrachte der Herisauer mit Ausprobieren und Üben. Er tüftelte, hämmerte und schwitzte. Jedes Experiment dokumentierte er fein säuberlich. Von den ersten 40 Rollen fand er 13 brauchbar. Daraus entstand sein erster selber geschmiedeter «Rollenträger» zum Silvesterklausen.
Inzwischen hat sich Preisigs Talent herumgesprochen. Seine Rollen erfreuen sich reger Nachfrage, auch ohne Werbung. Neben Klausen-Rollen schmiedet der Herisauer auch kleine und grosse Schellen verschiedener Art.

Haben Sie Bilder von diesem Ereignis? Hier teilen
Artikel drucken Artikel versenden

2 KOMMENTARE

Guten Tag Peter Preisig,

mit grosser Freude habe ich den Bericht gelesen und die Bilder bestaunt in der Appenzellerzeitung. Dank Menschen wie Sie stirbt das alte Handwerk nicht aus. Da ich viel gelesen habe über das Herstellen von Klangkörpern (Schellen Rollen) weiss ich, dass Sie nur mit viel Hartnäckigkeit zu Ihrem Erfolg gekommen sind. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude und Spass an Ihrer Tätigkeit und hoffe, dass Sie Ihr Wissen einmal weitergeben können.
Würde mich freuen, Sie am alten Silvester zu sehen und zu hören bei uns im "Silvesterbeizli" in Waldstatt.

Mit freundlichen Grüssen und "e guets Neus". Hansueli & Maria Waldburger
Hansueli Waldburger Geisshaldenstrasse 36 9104 Waldstatt sagte am 30. Dez 2015 09:48:03 #
Grüezi Herr Prisig,
ich finde es grossartig, dass Sie das alte Handwerk des Schellen schieden weiterführen. Als die Sentumschellen in Strengen geschmiedet wurden dachte ich mir oft, dass es eigentlich schade sei,dass wir im Appenzellerland für die Anschaffung von Schellen ins Ausland reisen mussten. Und dass Sie sich auf die Rollen spezialisiert haben ist choge schöö, denn das wertet das Chlausen noch einmal auf, wenn man weiss, dass die Rollen aus Herisau stammen. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude bei Ihrem handwerklichen, aber auch künstlerischen Tun. Ich kann mir vorstellen, dass es wirklich mit Kunst zu tun hat, die richtigen Töne, sei es für Schellen oder Rollen
zu finden.
Ruedi Huber sagte am 9. Jan 2017 17:02:16 #
KOMMENTAR SCHREIBEN